Traum(a) Reproduktionsmedizin

Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hat in seiner Ausgabe (Nr. 51/16.12.2017) die Reproduktionsmedizin zu seinem Schwerpunktthema gemacht. Der Titel auf dem Cover lautet: Wunsch: Kind – Wenn die Sehnsucht nach einem Baby zum Drama wird. Die Autorin Anna Clauss wirft einen profunden Blick hinter die schönfärberische Fassade der Reproduktions-Industrie und trifft auf eine oft trostlose und düstere Realität. Aufgrund ihrer Recherchen gelangt sie zum Befund: „Viele davon (sc. der kinderlosen Paare) führen ein Leben im Hoffnungsterror.“ Der von ihr kontaktierte Professor Wolfgang Würfel, selbst Reproduktionsmediziner, bezeichnet sein Metier als „Medizin voller Rückschläge und Enttäuschungen“. Doch der Reihe nach: Für die Reproduktionsmedizin war das Jahr 2016, so die Autorin, „ein gutes Jahr“. Denn es kann einen neuen Rekord verbuchen: Total 103 981 Kinderwunschbehandlungen kann der Dachverband der Reproduktionsmedizin für 2016 in Deutschland verbuchen, über 21’000 Geburten verdanken sich künstlicher Befruchtung. Die Chance, nach künstlicher Befruchtung ein Baby zu bekommen, beträgt mittlerweile knapp 20 Prozent. Dies bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass 80 Prozent der Frauen nach der künstlichen Behandlung ohne Baby nach Hause gehen müssen. „Mit den Heilversprechen der modernen Medizin wächst auch die Verzweiflung derer, die erfolglos alle Varianten der künstlichen Befruchtung durchlaufen haben“, konstatiert Anna Clauss. Ein Drama, das sich mit zunehmenden Fehlversuchen noch potenziert: Nach der achten ICSI-Behandlung (Spermien werden mit einer Pipette direkt ins Innere eine Eizelle gespritzt) sinkt die Erfolgsrate auf gerade noch fünf Prozent.

Viele der Paare mit unerfülltem Kinderwunsch sind Opfer des in der modernen Gesellschaft grassierenden Machbarkeits- und Planbarkeitswahns geworden. Im Verbund mit der Gleichstellungsideologie, welche der Frau vorgaukelt, mit der Zeugung von Kindern ebenso lange zuwarten zu können wie der Mann, hat der damit einhergehende Realitätsverlust fatale Folgen: Das Scheitern einer Kinderwunschbehandlung trifft dann die betroffenen Frauen wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Es sei für sie undenkbar gewesen, denn für jedes körperliche Problem gibt es doch eine Lösung, resumiert die erfolglos behandelte Franziska Ferber ihren jahrelangen Irrglauben.

An diesem Irrglauben arbeitet die Reproduktions-Industrie tatkräftig mit, denn das Geschäft mit ungewollt kinderlosen Paaren ist mittlerweile allein in Deutschland zu einem Milliarden-Business geworden. So verdient allein der Pharmakonzern Merck mit seinem Hormonpräparat für Kinderwunschpatientinnen 753 Millionen pro Jahr. Bleibt die Behandlung erfolglos, stellt der Markt eine ganze Palette von Möglichkeiten zur Verfügung, „dessen perfide Spezialität es ist, Ertrinkenden Strohhalme zu verkaufen“ (Anna Clauss). Sie reichen von indianischen Traumfängern über ayurvedische Kräutermsichungen bis zu Hormonyoga.

Fatal auch, dass in den Schulen in extenso über Verhütung geredet und permanent das „Schreckgespenst einer Schwangerschaft von Teenagern“ heraufbeschworen wird. Demgegenüber wird die Tatsache, dass die Fertilität der Frau ab dem 30. Lebensjahr „merklich sinkt“ (Professor Würfel), dabei systematisch ausgeblendet.

Doch dieses Faktum ist für die Reproduktionsmedizin kein Grund zu einer kritischen Analyse der eigenen Praxis – im Gegenteil. So ist es japanischen Stammzellenforschern gelungen, die Körperzellen von Mäuseweibchen in Eizellen umzuwandeln und diese dann zu befruchten. Fernziel: Menschen zu ermöglichen, unbegrenzt Eizellen bzw. Frauen jeden Alters Kinder zu ermöglichen – falls sich eine Leihmutter finden lässt. Es scheint, bilanziert Anna Clauss, dass „Aldous Huxleys ‚Schöne neue Welt‘ in Form einer künstlichen Fortpflanzungsdiktatur weniger Science-Fiction ist als gedacht. Allerdings ist die Diktatur der Babymacher in der Gegenwart nicht staatlich verordnet, vielmehr setzen sich Frauen selbst und gegenseitig unter Druck. Was es vielleicht noch schlimmer macht. Laut Andreas Bernard sind ‚Unfreiheit und Zwang Folgen jenes selbst gewählten Diktats, dass Fruchtbarkeit willkürlich herstellbar sei‘ » : Ein bemerkenswert erhellender und besorgniserregender Befund zugleich. Bleibt lediglich noch die abschliessende Frage, weshalb die Adoption als mögliche Alternative bei erfolgloser Behandlung der Kinderlosigkeit im Bericht von Anna Clauss mit keinem Wort erwähnt wird.

Der Spiegel Ausgabe 51/2017