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Vortrag für HLI am 23. Oktober in Zürich

 

 Referent: Hans Ziegler, Psychotherapeut SPV

 

Probleme kinderloser Ehepaare

 

Schlagzeilen lenken oft unsere Gedanken in eine bestimmte Richtung. So könnte die Ankündigung meines Referats : Probleme kinderloser Ehepaare, missverstanden werden, als wäre es eine Feststellung: Kinderlose Ehepaare müssten Probleme haben. Wissen wir denn das so genau? Lässt sich die eher zufällige Erfahrung im Bekanntenkreis, dass ein junges Ehepaar leidet, weil es keine Kinder bekommt, auf alle andern Paare übertragen? Wissen wir , wie denn dieses Paar seine heutige Situation in ein paar Jahren einschätzen wird?

Wir haben im Anschluss an meinen Beitrag über Kinderlosigkeit, der im HLI-Report Nr. 27 vom Juni dieses Jahres erschienen ist, eine Umfrage unter betroffenen Ehepaaren durchgeführt. Ziel dieser Erhebung war, Fragen wie die eben gestellten etwas zu klären und Anregungen zum Umgang mit diesem Schicksal zu vermitteln.

Es freut mich, dass ich Ihnen die Ergebnisse dieser bescheidenen und keineswegs repräsentativen Umfrage mitteilen darf.

 

Ich gliedere meine Ausführungen in 3 Teile:

  1. Übersicht
  2. Zentrale Aussagen
  3. Folgerungen und Aussichten

 

 

1. Übersicht

 

Die Umfrage richtete sich an Ehepaare, die entweder ungewollt kinderlos geblieben sind, oder denen nach einem eigenen Kind weitere Kinder versagt blieben, oder die erst nach längerer Wartezeit oder Adoption ein eigenes Kind empfangen durften.

Ungefähr 45 Fragebogen wurden verschickt durch das Sekretariat HLI, die Beratungsstellen für natürliche Empfängnisregelung INER und für natürliche Familienplanung IGNFP, durch zwei Ärzte und durch mich. Ich danke allen Helfern an dieser Stelle.

 

15 Ehepaaren haben sich an der Umfrage beteiligt und sich zu den 33 Fragen geäussert. Ihnen gilt ein besonderer Dank, denn sie gewähren uns einen Einblick in ihre Lebenssituation.

 

Alterstruktur

Das Alter der beteiligten Personen schwankt zwischen 32 und 55 Jahren. Wie zu erwarten war sind die meisten Frauen etwas jünger als ihre Partner, nämlich 1 - 14 Jahre. Bei zwei Paaren sind die Partner gleich alt, bei zwei weiteren Paaren sind die Frauen 1 und 4 Jahre älter.

 

Bekanntschaftszeit und Ehedauer

Die Bekanntschaften dauerten zwischen 1 - 6 Jahre. Seit der Eheschliessung sind zwischen 8 und 30 Jahren vergangen, mit Ausnahme eines Paares, das vor 2 Jahren geheiratet hatte.

 

Bildung

5 Personen absolvierten eine Realschule, Typus Zürich, 13 eine Sekundarschule. Von 1 Mann fehlen Angaben. Die restlichen 11 Teilnehmerinnen und Teilnehmer schlossen eine Mittelschule ab, 9 von ihnen erzielten einen Studienabschluss.

Alle Teilnehmer absolvierten eine Ausbildung und wir finden eine breite Palette von Berufen. 6 Frauen sind heute ganz oder vorwiegend im Haushalt tätig.

 

Religion

5 Paare bezeichnen sich als römisch katholisch

3 Paare " " " katholisch

3 Paare " " " evangelisch

2 Paare " " " reformiert

 

Bei 2 Paaren bezeichnen sich die Frauen als reformiert, bzw. protestantisch, während beide Männer sich als konfessionslos bezeichnen.

 

22 der 30 Personen schätzen sich als aktiv und sehr aktiv im Glaubensleben ein. Nur 4 Personen nennen sich sehr passiv.

 

Kinder

5 Paare haben ein eigenes Kind, 3 von ihnen adoptierten bis jetzt je ein Kind.

2 Paare haben 2 Kinder adoptiert und betreuten zusätzlich langjährig ein Pflegekind.

1 Paar hat 2 Kinder adoptiert.

1 Paar hat 3 schwererziehbare Pflegekinder langjährig betreut.

Insgesamt sind es 5 eigene Kinder, 9 adoptierte Kinder und 5 Pflegekinder

 

 

2. Zentrale Aussagen

2.1 Frage nach den belastendsten Momente in Bezug auf Kinderlosigkeit

Die Selbsteinschätzung auf diese Frage ermöglicht es, verschiedene Bereiche in ihrem Ausmass zu unterscheiden. Neben der Einschätzung der Stärke der Belastung auf einer Tabelle wurde aufgefordert, auch inhaltlich auf die Belastungen einzugehen. 9 Frauen und nur 2 Männer haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Eine Frau hat mit ihrer Bemerkung an Stelle der Antworten des Mannes diesen Sachverhalt verdeutlicht: "Mein Mann hat Mühe, das Empfinden in Worte zu fassen".

Die nachfolgende Tabelle vermittelt eine Zusammenfassung der Belastungswerte der erfragten sechs Bereiche, unterteilt nach Frauen und Männer.

 

Frauen Männer
Für mich persönlich: 42 Für mich persönlich: 31
In der Partnerschaft: 31 In der Partnerschaft: 31
Unter Verwandten und Bekannten: 27 Unter Verwandten und Bekannten: 15
Ev. während med. Behandlung/Abklärung: 22 Ev. während med. Behandlung/Abklärung: 22
Am Arbeitsplatz: 4 Arbeitsplatz: 1
In der oder durch die weitere Öffentlichkeit: 20 In der oder durch die weitere Öffentlichkeit: 5
Gesamtwert: 146 Gesamtwert 105

Tabelle 1: Belastende Elemente in Bezug auf Kinderlosigkeit. 0 = keine, 60 = starke Belastung

 

Kommentar zur Frage belastendste Momente in Bezug auf Kinderlosigkeit

Es zeigt sich, dass die Frauen mit einem Gesamtwert von 146 stärker unter der Kinderlosigkeit zu leiden scheinen als die Männer, die einen Wert von 105 aufweisen. Das lässt die Frage entstehen, ob Männer weniger in der Lage sind, Belastung zu benennen. Schliesslich ist man ja stark. Oder wie ein Mann es formulierte:

Wir werden später sehen, dass es für Frauen auch spezifische Gründe geben kann, unter der Kinderlosigkeit zu leiden.. Betrachten wir nun die einzelnen Bereiche:

 

Persönliche Belastung

In diesem ersten Bereich spiegelt sich ziemlich genau das Verhältnis des Gesamtergebnisses. Welche Belastungen werden genannt? Zwei Frauen nennen die Zeit nach dem definitiven Arztbescheid betreffend Unfruchtbarkeit als sehr belastend. Für die eine von ihnen war es nur eine kurze Zeit, denn sie war zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger. Hören wir , was sie dazu sagt:

 

Weiter wurden genannt:

 

In der Partnerschaft

Die Belastung in der Partnerschaft weist bei Männer und Frauen den gleichen Wert auf.. Wegen der Zurückhaltung in der Selbsteinschätzung, kann man annehmen, dass die Männer eher noch stärker leiden als die Frauen. Das kann unterstrichen werden durch die zwei abgegebenen Statements:

Noch deutlicher wird die Belastung in der Partnerschaft sichtbar in Antworten zur Frage der Beeinträchtigung der Sexualität

 

Unter Verwandten und Bekannten

In diesem Bereich schwankt die Belastung extrem. Die einen erleben die Anteilnahme der Verwandten als positiv, auch wenn der Schmerz dadurch nicht ausgelöscht wird. So schreibt eine Frau:

Eine andere Antwort war kurz und bündig:

Anteilnahme kann aber auch als Belastung empfunden werden:

Viele Frauen erlebten es als Belastung, wenn in ihrer Umgebung Kinder geboren und ausführlich darüber gesprochen wurde. Eine Frau schreibt:

Etwas ausführlicher ist die folgende Antwort:

 

Bei den Männern erreichte der Wert nur 15, so dass die Belastung kleiner zu sein scheint. Nur drei von ihnen haben die Rubrik "keine Belastung" angekreuzt, alle anderen vermerkten eine leichte bis mittlere Belastung, Es liegt hier nur ein, man möchte sagen bezeichnendes Votum vor:

 

Eventuell während medizinischer Behandlung / Abklärung

Wie bei der Einschätzung der Belastung in der Partnerschaft ergeben sich hier für Frauen und Männer die gleichen Werte. Es sind zwei Momente zu beachten. Männer können sehr belastet sein, wenn ihre Frauen von der Medizin vereinnahmt werden. Zum andern wird die medizinische Abklärung beim Mann als unangenehm bis maximal belastend erlebt:

 

Am Arbeitsplatz

Überrascht haben mich die mit 4, bzw. 1 sehr niedrigen Werte in Bezug auf die Belastungen am Arbeitsplatz. Es gibt von den dreissig Personen nur drei Statements zu diesem Bereich:

Man muss annehmen, dass die Trennung zwischen Arbeitsplatz und Privatbereich grösser ist, als man gemeinhin annimmt.

 

In der oder durch die weitere Öffentlichkeit

Hier besteht der grösste Unterschied. zwischen den beiden Gruppen. Offensichtlich ist die Belastung für Frauen viel grösser. Das dürfte mit dem Rollenverständnis "Frau als Mutter" zusammenhängen. Hierzu einige Antworten:

 

Ob den vielen Problemen und Belastungen könnte man ganz pessimistisch werden. Das wäre aber eine Fehleinschätzung der Situation. Wir haben ja nach den Belastungen gefragt und sie geschildert erhalten. An weiteren Antworten auf unsere Fragen lässt sich sehr schön aufzeigen, wie Belastungen fruchtbar werden konnten.

 

2.2 Wie hat sich die Kinderlosigkeit auf Ihr Leben ausgewirkt?

10 der 15 Ehepaare haben auf diese Frage sich sehr positiv geäussert, zum Teil mit beeindruckenden Bekenntnissen. Lassen wir einige Dieser Berichte auf uns wirken:

 

 

Eine weitere Frage lautete:

 

2.3 Wie definieren Sie heute die Aufgabe in Ihrer Ehe?

Die Frage zielt auf das Eheverständnis und allfällige Veränderungen gegenüber früher. Hier eine Auswahl an Antworten:

Sie gehen mit mir sicher einig, dass sich hier ein Kommentar erübrigt, so dass wir zur nächsten Frage gehen können:

 

2.4 Was empfehlen Sie einem Paar, dem bewusst wird, keine eigenen Kinder bekommen zu können?

Alle Paare haben hier mindestens eine Empfehlung gegeben, einige wiesen auf die Möglichkeit von Adoptiv und Pflegekinder hin. Lassen wir wieder einige zu Worte kommen:

Ich füge diesen Anworten das Zeugnis eines betagten Ehepaares bei, der Ehemann ist emeritierter Professor, das sich mit ausserordentlichem Engagement für den Schutz des Lebens einsetzte und noch einsetzt, ganz besonders auch für den der Ungeborenen. Es stammt aus einem Brief an Frau Walser vom HLI - Sekretariat:

 

 

3. Folgerungen und Aussichten

Ist es mir gelungen, Ihnen verehrte Zuhörer, etwas von dem zu vermitteln, was mich beim Lesen der ausgefüllten Fragebogen beeindruckt hat: Jedes Paar hat damit ein Lebenszeugnis abgegeben und das Ringen um die ihm gestellten Aufgaben dokumentiert. Auch wenn die Antworten der persönlichen Situation und Bildungsstand entsprechend unterschiedlich ausfielen, so lassen sich doch bemerkenswerte Entwicklungsprozesse feststellen. Das bescheidene Ausmass der Umfrage lässt zwar keine gesicherte wissenschaftliche Aussagen zu. Die Ergebnisse können aber doch helfen, die besondere Situation jener Paare besser zu verstehen, deren Erwartungen sich nicht ohne weiteres erfüllen und die oft so sehr geprüft werden. Darüber hinaus konfrontieren sie die nicht direkt Betroffenen mit ihren eigenen Lebensentwürfen und dem Umgang mit anderen Menschen.

Durch die Antworten lässt sich erkennen, dass alle beteiligten Paare im Sinne der zeugenden Fähigkeit , wie das Erik Erikson (Kindheit und Gesellschaft) benennt, ihr Interesse an der Stiftung und Erziehung der nächsten Generation unter Beweis gestellt haben. Das könnte mit der Auslese der angeschriebenen Ehepaare in Zusammenhang gebracht werden, viel naheliegender ist aber, dass eben schon die freiwillige und ohne Druck erfolgte Teilnahme an einer solchen Befragung ein Interesse an generativen Fragen voraussetzt.

Welche Folgerungen lassen sich aus der Umfrage ableiten? Es können drei Personenkreise unterschieden werden, für die sich Antworten ergeben:

  1. Betroffene Ehepaare
  2. Umgebende Personen
  3. Fachleute wie Ärzte, Berater, Seelsorger, Psychotherapeuten usw.

 

1. Folgerungen für betroffene Ehepaare

Zwei der fünf Paare mit eigenen Kinder erhielten ihre Kinder nach 12, bzw. 14 Jahren, ohne dass sie in dieser Zeit noch an eine Schwangerschaft gedacht haben. Es kann sich also durchaus lohnen, die direkten Bemühungen um Nachwuchs einzustellen und sich zu entkrampfen. Eine ähnliche Empfehlung ist in arabischen Landgemeinden bekannt, wo die alten Frauen den jungen Paaren erklären, es könne sieben Jahre dauern, bis sich Nachwuchs einstelle. Weitere Folgerungen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit können sein:

 

2. Umgebende Personen

Leider habe ich es unterlassen, den Paaren die Frage vorzulegen, wie sie sich die Reaktionen der umgebenden Personen wünschten. Dennoch lässt sich einiges aus den Antworten ableiten:

 

 

3. Fachleute wie Ärzte, Berater, Seelsorger, Psychotherapeuten usw.

 

Es hat mich ausserordentlich gefreut, mit dieser Untersuchung zu erfahren, wie Ehepaare durch Ringen und Glauben in beeindruckender Art und Weise ihre Sorge wegen teilweiser oder ganzer Unfruchtbarkeit überwinden und in einem neuen Sinn fruchtbar werden konnten.

 

Ich wurde darauf angesprochen, ob ich als Vater von sechs Kindern ein idealer Sachverständiger für kinderlose Ehepaare sei. Nun, ich möchte mich nicht als Sachverständiger für kinderlose Ehepaare bezeichnen, wenn schon, dann als Sachverständiger für seelische Probleme und Konflikte.

Es wäre aber wichtig, dass wir alle immer mehr Experten würden für die Nöte anderer Menschen. Dass wir sie zu verstehen lernen und ihnen Hilfe sein können auf ihrem Weg. So gesehen können und sollten wir alle voneinander lernen, ob verheiratet oder ledig, ob mit oder ohne Kinder.

 

Hans Ziegler, Psychotherapeut SPV

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