Homepage: http://www.mypage.bluewin.ch/holy-cards/ E-mail: niederer-werner@freesurf.ch
Dr. med. Werner Niederer
Referat gehalten am 18.11.01 in Lihn anlässlich der VKAS- und AGEAS-Tagung
(Tagungsthema: Euthanasie)
Quelle: http://www.mypage.bluewin.ch/holy-cards/text/mw.htm
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INHALT:
1. Vorbemerkungen
1.1 Brauchen wir eine Diskussion über aktive Euthanasie?
1.2 Gesellschaftliche Gegebenheiten
2. Menschenwürde
2.1. Der Begriff "Menschenwürde"
2.1.1. Semantik
2.1.2. Begründung der
Menschenwürde
Rational-materialistische Begründung
Christliche Begründung
2.2. Menschenwürde und die christliche Trilogie
"Leiden Tod und Auferstehung"
2.2.1 Menschenwürde beim
Leiden und Sterben
2.2.2 Menschenwürde und Tod
2.2.3 Menschenwürde und
Auferstehung
3. Schlussbemerkungen
Literatur
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1. VORBEMERKUNGEN
1.1. Brauchen wir eine Diskussion über aktive
Euthanasie?
Die Palliativmedizin hat, wie wir gestern gelernt haben, grosse Fortschritte
gemacht. Trotzdem werden wir immer wieder Menschen begegnen, welche die
Legalisierung aktiver Sterbehilfe verlangen. Wie reagieren wir als Christen
darauf? Ist für uns Euthanasie überhaupt ein Diskussionsthema?
Wir kennen alle die Diskussionen darüber, ob das 5. Gebot auch das
Töten des Feindes im Krieg verbietet (im 3. Jahrhundert gab es Zeiten,
da die Kirche keine Soldaten aufnahm), oder das Töten in Notwehr, oder
das Hinrichten eines Schwerverbrechers? Eingedenk des Jesuswortes "liebe
deinen Feind" (Mat 5, 44) sind diese Fragen berechtigt und in der Tat schwer
zu beantworten. Aber: Das Töten schwacher, kranker Menschen steht für
Christen absolut ausser Diskussion. Es ist gegen das Naturrecht, gegen die
"moralischen Selbstverständlichkeiten" und
unzweifelhaft gegen das 5.Gebot.
Wenn wir uns doch auf das Thema einlassen, dann könnte das Ziel z.B.
sein aufzuzeigen, dass ein ganz fundamentaler Unterschied besteht zwischen
einem Recht und einem Verbot. Ein "Recht auf Leben" ist etwas grundsätzlich
anderes als ein "Verbot zu Töten". Ein Recht kann, aber muss nicht in
Anspruch genommen werden; darum können nebeneinander ein "Recht auf
Leben" und ein "Recht auf Sterben" existieren. Man könnte also an Hand
des 5.Gebotes gut aufzeigen, dass der Dekalog keineswegs, wie manche meinen,
einfach eine etwas archaische Form der modernen Menschenrechte ist. Die Zehn
Gebote sind geoffenbarte Wahrheit, d.h. jedem Menschen ins Herz geschriebene
Gebote und nicht, wie die Menschenrechte, das Produkt einer politischen
Kommission, die soziale Wunschvorstellungen formuliert ("Recht auf Arbeit",
"Recht auf Bildung",usw.).
Ein anderer Zweck, unter uns Christen das Thema "aktive Sterbehilfe"
aufzugreifen, könnte sein, dass wir lernen wollen, wie wir als Christen
im politischen Gespräch mit Atheisten, Materialisten, Positivisten
argumentieren sollen? Dieses Ziel möchte ich im folgenden anvisieren.
Nun fällt bei Diskussionen über Sterbehilfe sofort auf, dass sowohl
die Euthanasiebefürworter als auch die Gegner häufig den Begriff
"Menschenwürde" benutzen. Meistens bleibt aber unklar, was mit
Menschenwürde eigentlich gemeint ist. Euthanasiebefürworter finden
es "menschenunwürdig", wenn Sterbende leiden müssen; die Gegener
finden es "menschenunwürdig", wenn Menschen wie Tiere behandelt und
getötet werden, sobalad sie unheilbar krank sind und leiden. Manche
sagen, Menschenwürde sei unzerstörbar, andere sagen im Gegenteil,
sie sei sehr verletzlich und müsse geschützt werden... -- Man sieht:
Es muss sich da um ganz verschiedene Begriffe von Menschenwürde handeln.
Auch der katholische Katechismus verwendet unter dem Titel Euthanasie den
Begriff "Menschenwürde" : Im Abs. 2277 steht: "Eine Handlung oder
Unterlassung, die (...) den Tod herbeiführt, um dem Schmerz ein Ende
zu machen, ist ein Mord, ein schweres Verbrechen gegen die Menschenwürde".
Und im übernächsten Absatz: "Schmerzlindernde Mittel zu verwenden,
um die Leiden des Sterbenden zu erleichtern, selbst auf die Gefahr hin, sein
Leben zu verkürzen, kann sittlich der Menschenwürde entsprechen
(...)"
Es scheinen sich also alle einig: Die Euthanasiefrage hat etwas mit der
Menschenwürde zu tun. Es ist darum sicher angebracht, dass wir uns an
dieser Tagung Gedanken über den Begriff der Menschenwürde machen.
Vorher aber noch eine Bemerkung über Gegebenheiten in unserer Gesellschaft,
die man sich bei jeder ethischen Diskussion vergegenwärtigen sollte:
1.2. Gesellschaftliche Gegebenheiten
Der Mainzer Professor Hoerster schreibt (1): "Wenn Gott seinen eigenen Sohn
auf die Erde gesadt hat, um jedem Menschen die Möglichkeit zu geben,
durch ein gottgefälliges Leben zur Erlösung zu gelangen, dann erscheint
es einigermassen einleuchtend, dass das menschliche Leben in seiner Funktion
als Bewährungs-stadium der freien Disposition entzogen ist. Und zwar
würde diese Sichtweise offenbar nicht nur die gewöhnliche
Fremdtötung, sondern ebenso die einverständliche Fremdtötung
sowie die Selbsttötung als unerlaubt erscheinen lassen. Das Problematische
dieser Argumentation für die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens
liegt in der Tat weniger in ihrer Stimmigkeit, als vielmehr in ihrer wesentlichen
Prämisse, der christlichen Heilslehre. Diese Lehre lässt sich auf
rationalem Wege schwer begründen (...) Sie jedoch denjenigen, die sie
nicht teilen, mit den Mitteln des Rechts aufzuzwingen, erscheint als klarer
Verstoss gegen das weltanschauliche Toleranzgebot."
Toleranz, wie sie heute mehrheitlich verstanden wird, beinhaltet nicht mehr
nur "Duldung". Das Toleranzgebot unserer Gesellschaft verlangt wesentlich
mehr, nämlich die Bejahung, transzendentale Wahrheit sei nicht erkennbar.
Dieser Agnostizismus wird nun absolut dogmatisch vertreten. Wir empfinden
ihn nur darum nicht als Glaubenssatz, weil er in unserer Gesellschaft --
sogar bei Menschen, die sich als Christen fühlen --
überwältigende Akzeptanz gefunden hat. In andern Gesellschaften,
z.B. den christlichen vor 1789 oder den islamischen, wurde bzw. wird der
Agnostizismus als unglaubwürdiges Dogma verworfen. Interessant ist nun
aber, dass die Infragestellung des Agnostizismus von den Verfechtern des
Toleranzgebotes nicht toleriert wird; mit andern Worten: Wenn in unserer
abendländischen, pluralistisch-liberalen Gesellschaftt jemand seine
ethischen Auffassungen anders als mit rational-materialistischen Argumenten
begründet, dann ist er politisch disqualifiziert. Das erinnert an den
Vers von Ueli dem Schreiber:
Ein Berner namens Kuno Kranz
war sehr erpicht auf Toleranz;
denn diese edle Geisteshaltung
vermeide soziale Spaltung.
Und wer nicht tolerant sein könne,
und andern nicht die Freiheit gönne,
nach ihrer Art sich zu gebärden, -
der sollte totgeschlagen werden.
Das müssen wir, gern oder ungern, zur Kenntnis nehmen.
Ausserdem müssen wir bedenken, dass unsere Gesprächspartner oft
falsche Vorstellungen vom christlichen Glauben haben. Das kommt ein wenig
auch im zitierten Text von Hoerster zum Ausdruck: Gott hat nämlich nicht
seinen Sohn auf die Erde gesandt, "um jedem Menschen die Möglichkeit
zu geben, durch gottgefälliges Leben zur Erlösung zu gelangen...".
Manchmal hat man den Eindruck, man müsste vor jeder politsch-ethischen
Diskussion zuerst Katechese betreiben. Jedenfalls dürfen wir nicht erwarten,
dass christliche Gedankengänge (z.B. zur Menschenwürde, wie wir
sie im folgenden entwickeln wollen) von unsern Gegenspielern auch verstanden
werden. Ich glaube daher, dass es in öffentlich-politischen
Diskussionsrunden letztlich wirksamer ist, unsere Position
betreffend aktiver Sterbehilfe ganz karg und einfach mit dem 5. Gebot zu
begründen.
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2.1. Der Begriff "Würde"
2.1.1 Semantik
Der erste Satz der deutschen Verfassung, des sogenannten Grundgesetzes, lautet:
"Die Würde des Menschen ist unantastbar". Auf Grund dieses ominösen
Satzes könnte man glauben, der Begriff müsse klar und
allgemeinverständlich sein. Das ist er aber, wie wir gesehen haben,
keineswegs.
In der Antike unterschieden die Stoiker die differenzierende von der
egalisierenden Würde des Menschen. Wenn wir zum Beispiel sagen, ein
Bundesrat habe mehr Würde als ein drogensüchtiger Jugendlicher,
dann reden wir von differenzierender Würde. Die egalisierende Würde
dagegen ist jene, die dem Menschen an sich zukommt, jedem Menschen, ob
intelligent oder nicht, ob reich, ob arm, ob schwach und krank, ob mächtig
oder drogensüchtig. Im deutschen Grundgesetz ist offensichtlich die
egalisierende Menschenwürde gemeint, und im folgenden wollen wir uns
ausschliesslich mit dieser befassen..
Kant schreibt in seiner "Grundlegung der Metaphysik der Sitten" zum Begriff
"würde" ganz allgemein: (2)
"Im Reich der Zwecke hat alles entweder einen Preis, oder eine Würde.
Was einen Preis hat, an dessen Stelle kann auch etwas anderes, als
Äquivalent, gesetzt werden; was über allen Preis erhaben ist, mithin
kein Äquivalent verstattet, das hat eine Würde."
Bei allem Respekt: Diese Definition scheint mir weder ganz klar, noch wirklich
auf den allgemeinen Sprachgebrauch zutreffend. Würde entspricht dem
lateinischen Dignitas. Wenn wir an den TARMED denken, dann hat Dignität
aber sehr viel zu tun mit Preis, und zwar nicht mit geistigem Lob und Preis,
sondern mit Preis in Franken und Rappen. Vermutlich wollte Kant sagen: Das,
was für den Menschen Bedeutung hat, was er aber nicht selber hervorbringen
und nicht kaufen kann, das hat "Würde". Diese Definition auf die Würde
des Menschen angewandt kommt jener Auffassung nahe, die das menschliche Leben
als etwas Heiliges bezeichnet. Im katholischen Katechismus (Artikel 2258)
es heisst z.B.: "Das menschliche Leben ist heilig weil es von seinem Beginn
an der Schöpfermacht Gottes bedarf..." Der Satz befriedigt auch nicht
ganz. Das Matterhorn bedurfte auch der Schöpferkraft, auch jeder Stein,
jeder Grashalm, ja, eigentlich alles Seiende.
In Bezug auf die Menschenwürde äusserte sich Kant nur indirekt,
indem er sagte, sie werde verletzt, wenn ein Mensch instrumentalisiert, das
heisst wie ein Objekte für einen ihm fremden Zweck missbraucht werde.
Oder, gleichbedeutend: Zur Würde des Menschen gehört nach Kant
dessen Freiheit oder Selbstbestimmung.
Aber schon Schopenhauer (3) äußerte den Verdacht, es handle sich
beim Begriff "Menschenwürde" um eine weitgehend inhaltslose, aber zu
rhetorischen und opportunistischen Zwecken nützliche Leerformel. Der
Dortmunder Ethiker Dieter Birnbacher (3) schreibt in einem Essay:
"Es gibt mehrere Gründe, mit dem Begriff der Menschenwürde in der
Bioethik sparsam umzugehen. Ein Grund ist der Verdacht, daß die Emphase
und das Pathos dieses Begriffs vielfach dazu herhalten, die Blöße
mangelnder Argumente gegen eine ungeliebte Praxis zu bedecken"
Nachdem es offensichtlich nicht ganz einfach ist, Menschenwürde zu
definieren, möchte ich versuchen, das semantische Problem ethymologisch
zu lösen: "Würde" und "Wert" haben die gleiche etymologische Wurzel,
und ich meine: der Unterschied zwischen "Wert" und "Würde" liegt nur
im Anwendungsbereich, nicht im semantischen Gehalt. Da nun der Begriff
"Würde" einen etwas mystischen Nimbus hat, lässt sich das Synonym
"Wert" nüchterner analysieren, und das wollen wir tun:
Man kann ganz allgemeingültig sagen, dass der Wert eines Objektes immer
einen subjektiven Bewerter voraussetzt: Ein "Kaffirahmteckeli" ist für
den einen völlig wertlos, für den andern aber sehr wertvoll; ein
Glas Wasser ist für den Durstigen wertvoller als für den
Nicht-Durstigen, usw. Ausserdem ist der Wert einer Sache nur bestimmbar,
wenn klar ist, in welcher Hinsicht der Wert bestimmt werden soll: Das Glas
Wasser, ist für den Durstigen nur wertvoll im Hinblick darauf, dass
er das Wasser trinken kann; wenn der Durstige nämlich das Wasser aus
irgend einem Grunde nicht trinken kann (z.B. weil er am Tag zuvor eine
Larynxoperation hatte), dann hat das Glas Wasser für ihn nicht mehr
Wert als für den Nichtdurstigen. Es kommt hinzu: Auch wenn das spezifische
Wasser im Wasserglas für den Durstigen mehr Wert hat als für den
Nichtdurstigen, so hat doch das Wasser an sich für alle Menschen, durstig
oder nicht durstig, einen sehr hohen Wert, da jeder Mensch auf Wasser angewiesen
ist. Demnach spielt es eine eine Rolle, ob etwas "an sich"(im Allgemeinen)
oder im speziellen Einzelfall bewertet wird.
So stellen sich nun also die Fragen:
1. Wer bewertet den Menschen?
2. In welcher Hinsicht wird er bewertet?
3. Erfolgt die Bewertung des Menschen als "Mensch an sich" oder des
Einzelmenschen?
Beim dritten Kriterium geht es im Prinzip um den Unterschied zwischen
differenzierender oder die egalisierender Würde, und diesbezüglich
haben wir schon gesagt, dass wir uns nur für die egalisierende interessieren
wollen. Es bleiben also die Fragen: Wer bewertet; und in welcher Hinsicht.wird
bewertet.
Als Bewerter kommen in Frage:
1. Gott, der Schöpfer des Menschen
2. der Mensch selbst, als sein eigener Bewerter
Und in welcher Hinsicht wird der Mensch bewertet? Gott bewertet den Menschen
im Hinblick auf Seinen Heilsplan. Der Mensch hat darum vor Gott genau den
Wert, den Er ihm als sein Schöpfer gegeben hat: Er will ihn teilhaben
lassen an seinem ewigen Reich.
Die Bewertung des Menschen durch den Menschen ist viel verworrener. In welcher
Hinsicht bewertet der Mensch den Menschen? Seine Bewertung hängt in
erster Linie ab von seiner Weltanschauung. In der früheren, vom christlichen
Denken geprägten Umgangssprache, war mit Menschenwürde wohl stets
der Wert gemeint, den der Mensch vor Gott hat. Diese Würde des Menschen
ist tatsächlich durch andere Menschen nicht zerstörbar. Nachdem
nun aber in unserer Gesellschaft der dialektische Materialismus zum
vorherrschenden Weltbild geworden ist (auch bei jenen, die meinen, der
Marxistischen Philosophie fern zu stehen!) ist die Bedeutung von
Menschenwürde in der Umgangssprache unklar geworden.

(aus der Medical Tribune)
Es einleuchtend, dass der Mensch, der sich selbst lediglich für eine mehr oder weniger gut funktionierende Maschine hält, den Wert des Menschen anders einstuft als derjenige, der sich als körperlich-geistiges, für die Ewigkeit bestimmtes Wesen versteht. Für den Materialisten ist das einzelne Menschenleben bloss ein vergängliches Mosaiksteinchen im Sozialgefüge der Menschheit. Dies ist eigentlich eine Negation der Menschenwürde und führte in der Französischen Revolution, die bekanntlich die christliche Religion abschaffen wollte, zum ersten Mal in Europa zum industriellen Morden. Der Arzt Dr. Guillotin erfand die Guillotine, damit die ohnehin zum Tode Verurteilten auf möglichst schmerzlose (sollte man sagen "menschenwürdige"?) Weise getötet würden. Er meinte es, wie man so schön sagt, nur gut. Vielleicht aber hätte er doch besser seine geistigen Kräfte dazu benutzt, die Ziele und Methoden der Revolution zu ändern.
Wenn nun aber die Materialisten doch von Menschenwürde sprechen _ sie tun dies ja z.B. gerade im Zusammenhang mit aktiver Sterbehilfe _ wie begründen sie dann die Menschenwürde? Und wie begründen die Christen die Menschenwürde?
2.1.2. Die Begründung der Menschenwürde:
Rational-materialistische Begründung
Die Menschenwürde ist, wenn man auf religiöse Bezüge verzichten will, tatsächlich nicht leicht zu begründen. Meistens folgen atheistische Ethiker dem Kant'schen Gedanken und sagen, die besondere Würde des Menschen gehe aus dem Unterschied zwischen Mensch und Tier hervor, der darin besteht, dass der Mensch i.G. zum Tier mit Vernunft überlegt und entscheidet, wie er handeln will. Die Menschenwürde sei also in Autonomie, der Selbstbestimmung des Menschen begründet.
Mit Vernunft überlegen und entscheiden kann man aber nur mit entsprechendem Wissen: Ich kann in einer Sache nicht Selbstbestimmung ausüben, wenn ich von der Sache nichts weiss. Das ist für uns Aerzte Alltagserfahrung: Der Patient muss -- manchmal äusserst umständlich -- aufgeklärt werden, bevor er mitentscheiden kann, was er für Abklärungen und Behandlungen haben möchte. Autonomie bedingt Wissen. Aber ist es überhaupt gut, alles wissen zu wollen? Und ist Wissen nicht oft eine Illusion, weil z.B. eine Operationsmortalität von 20% für den Optimisten eine gute Chance, für den Pessimisten den sicheren Tod bedeutet (ganz zu schweigen von der fragwürdigen Zuverlässigkeit und Aktualität von Statistiken!).
Vor einiger Zeit hörte ich in einer Fernsehsendung einen amerikanischen Genforscher sagen, Wissen an sich (und implizit meinte er das Wissen-Wollen, denn er verteidigte seine Forschung) könne nichts Schlechtes sein; er sagte dies mit der absoluten Ueberzeugung, niemand könne ihm widersprechen. Tatsächlich widersprach ihm auch niemand. Unsere Gesellschaft, und mit ihr sogar die Kirche, haben die Wissenschaftskritik völlig tabuisiert. Damit aber wurde auch die Geschichte von der Erbsünde, bei der es ja um den Baum der Erkenntis geht, tabuisiert (bzw. noch schlimmer: Die Geschichte wurde banalisiert und der Apfel zum Symbol geschlechtlicher Verführung gemacht!). Wenn aber die Christen selbst die Botschaft von der Erbsünde nicht mehr verstehen, wie soll dann die Verkündung des Erlösungswerkes Christi erfolgreich sein?! Dabei gibt es in der Bibel tatsächlich weitere Stellen, die vor dem Alles-Wissen-Wollen warnen: Bei Jesus Sirach z.B. heisst es (3, 21): "Was dir zu wunderbar ist, erforsche nicht, und was vor dir verhüllt ist untersuche nicht." Der Materialist dagegen sagt: "Wenn ich von einem Kranken weiss (als ob er das je wissen könnte!), dass seine Leben nur noch Leiden und Tod bringen wird, dann ist es für diesen Sterbenden besser, getötet zu werden".
Ueber die Ansicht, zur Würde des Menschen gehöre unabdingbar seine Autonomie, kann man lange diskutieren. Es ist ja selbst unter Christen strittig, wie weit unser Leben prädestiniert ist, oder: wie weit es Willensfreiheit überhaupt gibt. Für Materialisten sollte es logischerweise keine Willensfreiheit geben. Meistens sind es aber gerade die Materialisten, welche die aktive Sterbehilfe mit dem Argument verfechten, das Selbstbestimmungsrecht des Menschen sei unantastbar, seine Verletzung eine Verletzung der Menschenwürde und also gegen das deutsche Grundgesetz. Absurderweise verlangen genau diejenigen, in deren Weltbild es eigentlich gar keinen Platz gibt für Willensfreiheit, die Respektierung derselben. Und absurderweise verlangen sie nicht nur Respektierung von etwas, an deren Existenz sie selber nicht glauben, sondern ausserdem etwas, womit die betroffene Person die Willensfreiheit, ob nun fiktiv oder nicht, ganz sicher verliert (denn von einem Toten können wir nicht behaupten, er habe noch irgendwelche irdische Selbstbestimmung).
Trotz dieses Mangels an Logik beharrt der Materialist darauf, Autonomie sei Grundlage der Menschenwürde, und wer die Autonomie eines Menschen beschneide, verletze dessen Würde. Georg Feuser (4) schreibt dazu, mancher "(...) stelle sich dann die Frage, aus welchem Grund die Menschenwürde auch Menschen zugeschrieben werden müße, die nicht vernunftfähig sind - beispielsweise Embryonen, Kleinkindern und schwerst geistig Behinderten; es wird dann argumentiert, die Unantastbarkeit der Menschenwürde beziehe sich eben auch auf die Wahrung der Voraussetzungen der Selbstbestimmungsfähigkeit. Überdies müsse man erwägen, ob nicht schon die Orientierung an bestimmten Bedürfnissen als eine schützenswerte Vorform der Selbstbestimmung anzusehen sei. Demgemäß gibt es Ethiker, welche die Zuschreibung von Würde vollständig von der Zuschreibung von Vernunftfähigkeit trennen und den Würdeanspruch auch auf Tiere und sogar Pflanzen ausdehnen, im Sinne einer Kreaturwürde". Damit wird eigentlich wieder geleugnet, dass es eine Menschenwürde gibt, die sich von der allgemeinen Kreaturwürde abhebt. In unserem Kontext hiesse dies: Wenn man den leidenden Hund aus Mitleid töten darf, dann ist nicht einzusehen, warum man das beim Menschen nicht auch tun dürfte (oder aber aber man darf es weder beim Menschen noch beim Hund).
Euthanasiegegner weisen beim Autonomieargument oft auf die Unsicherheit betreffend den Patientenwillen hin und argumentieren: Wenn auf der Intensivstation ein bewusstloser Patient liegt, der ein Jahr zuvor eine Patientenverfügung geschrieben hat, aus welcher hervorgeht, dass er sein Leben nicht künstlich verlängert haben möchte, dann bleibt doch die Ungewissheit: Wie würde der Patient, wenn er jetzt mitreden könnte, und die sehr unklare aber doch real vorhandene Möglichkeit einer teilweisen Zustandsverbesserung erfassen könnte (soweit von den Aerzten überhaupt abschätzbar!), - wie würde er denn jetzt entscheiden? Würde er nicht in der Mehrzahl der Fälle sagen: "Entscheiden doch Sie, Doktor, sie wissen ja besser wie meine Aussichten sind". Natürlich sind solche Fragen nie beantwortbar.

Dieses Cartoon aus der Medical Tribune weist auf etwas sehr Wichtiges hin: Nämlich dass ein physisch und psychisch gesunder Mensch gar nicht daran denkt, schriftlich festzuhalten, man solle ihn unter diesen oder jenen Umständen umbringen. Alle Menschen, die sich an Sterbehilfeorganisationen wenden oder Patientenverfügungen schreiben, sind von der unberechtigten Angst geplagt, man würde sie bei schwerem Leiden nicht sterben lassen. Ihre Verfügungen gründen vielleicht auf falschen Vorstellungen und wären dann nicht wirklich selbstbestimmt Ganz grundsätzlich kann man sagen: Sind Patientenverfügungen im gesunden Zustand geschrieben, bleibt die Ungewissheit, wie der Patient sich äussern würde, wenn er krank wäre; sind sie im kranken Zustand geschrieben, bleibt die Ungewissheit, wie sich der Patient äussern würde, wenn er gesund und nicht exogen depressiv wäre. Jedenfalls muss der Arzt suicidale Absicht immer als Folge einer Depression im Sinne psychischer Krankheit auffassen, auch wenn die Depression exogen und einfühlbar ist. Die Pflicht des Arztes aber ist, Krankheiten zu behandeln, nicht Patienten umzubringen.
Leider wird es aber immer Euthanasiebefürworter geben, welche trotz aller Wenn und Aber die Selbstbestimmung des Einzelnen als höchstes Gut, als unabdingbar für die Würde des Menschen bezeichnen und damit das "Recht auf Sterben" fordern. Weil sie damit in der Oeffentlichkeit häufig Zustimmung finden, denke ich, ist es klüger, sich als Christ schlicht und einfach auf das 5. Gebot zu berufen.
Christliche Begründung der Menschenwürde:
Wie lautet nun die christliche Begründung der Menschenwürde? --
Wir haben es schon gesagt: Für den Christen ist Gott der Bewerter des
Menschen; aus dieser Wertung ergibt sich die christliche Auffassung von
Menschenwürde. Welche Bibelstellen geben Aufschluss über den Wert
des Menschen?
Bei Jes 40, 10-17 z.B. lesen wir: "Siehe, Nationen gelten Dir (-- es geht also hier um die Bewertung durch Gott -- ) wie ein Tropfen am Eimer und wie Staub auf der Waagschale. 17 Alle Nationen sind wie nichts vor ihm und gelten ihm als nichtig und leer" Und im Psalm 144 heisst es: "HERR, was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, der Sohn des Menschen, daß du ihn beachtest? Der Mensch gleicht dem Hauch. Seine Tage sind wie ein vorübergehender Schatten."
Ist der Mensch also nach biblischer Auffassung ein Hauch, Staub, ein Nichts? -- Keineswegs! Im Ps 8, 6: heisst es: "Du machst den Menschen wenig geringer als Engel" und bei Jo 10,35 zitiert Jesus den Ps 82, wo es heisst: "Ihr seid Götter" . Im Kontext des jüdischen Monotheismus bedeutet dies: Ihr habt geistige Kräfte, wie sie andere Völkern nur den Göttern zuschreiben. Der Monotheismus negiert ja nicht die Existenz geistiger Wesen, der Engel und Dämonen, sondern er lehrt lediglich: Allmacht und Allwissenheit besitzt nur der eine Gott, der Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge; die von den Heidenvöllkern als Götter verehrten Geister sind gar keine wahren Götter, da sie ja nicht allmächtig sind. Bei Mat 10, 29 sagt Jesus: "Werden nicht zwei Sperlinge für ein paar Pfennige verkauft? Und nicht einer von ihnen wird auf die Erde fallen ohne euren Vater. Bei euch aber sind selbst die Haare des Hauptes alle gezählt. Fürchtet euch nun nicht; ihr seid vorzüglicher als viele Sperlinge."
Es ist also nicht biblisch zu sagen, der Mensch sei das Wertvollste, was es überhaupt gebe, und die Menschenwürde nicht überbietbar; und ebenso unbiblisch ist es zu sagen, es gebe in der Natur keine Hierarchie und der Mensch sei nicht mehr und nicht weniger wert als ein Baum oder eine Maus. Biblisch ist vielmehr zu sagen: Der Wert des Menschen, seine Würde ist relativ: Gegenüber Gott ist sie sehr klein, gegenüber den andern Geschöpfen jedoch sehr gross.
Es ist klar, was mit dieser Balance geschieht, wenn der Glaube an Gott und den Himmel abhanden kommt: Es bleibt dann nur die Wertung des Menschen durch den Menschen selbst, und dies, wie wir gesehen haben, führt unweigerlich zur absoluten Hybris, die nicht davor zurückschreckt, auch den Zeitpunkt des Todes rational selber bestimmen zu wollen. Die Befürwortung der Euthanasie durch die Materialisten geschieht also nicht aus Unter- sondern aus massloser Überschätzung des Menschen: Der Mensch wird nicht als Geschöpf Gottes wahrgenommen, sondern als Evolutionskulmination der Materie, sozusagen als sich selbst verstehende Materie, die sich dahin entwickelt, schliesslich alles zu wissen, alles zu verstehen. Der Repräsentant der materialistischen Forschung sagt darum nie: "Das wissen wir nicht", er sagt immer: "Das wissen wir noch nicht".
Wir haben vorhin geklärt, was Jesus bzw. der Psalmist mit dem Ausspruch "ihr seid Götter"gemeint haben muss. Wenn im Gegensatz dazu der Teufel Adam und Eva mit dem Satz: "Ihr werdet sein wie Gott" verführt, dann benützt er den Singular und nicht den Plural, und meint dann er in der Tat den Allmächtigen, Allwissenden. (1.Mose3,5). Das aber ist die Ursünde, absolute Ueberheblichkeit, absoluter Stolz. Euthanasie ist diese Überheblichkeit schlechthin. Logischerweise kann der Ungläubige selbst seine Hybris gar nicht als solche erkennen.
Die entscheidende Bibelstelle zur Begründung der Menschenwürde finden wir in der Schöpfungsgeschichte: -- Im Absatz 1700 des kath. Katechismus steht: "Die Würde des Menschen wurzelt in seiner Erschaffung nach Gottes Bild". Diese Aussage lässt sich auf zwei Arten deuten:
Erstens: Schon vor der Erschaffung des Menschen stand der Heilsplan des trinitarischen Schöpfergottes fest, selber Mensch zu werden; weil aber Gott ausserhalb der Zeit existiert, Jesus also nicht nur vor Abraham, sondern auch vor Adam war, ist es auch physisch richtig zu sagen, dass der Mensch nach dem Bilde Jesu, also nach Gottes Bild, geschaffen wurde. Die Ebenbildlichkeit ist damit gleichsam eine Prophezeihung der Inkarnation.
Zweitens: Bei Joh. 4, 24. sagt Jesus: "Gott ist Geist". Darum ist die Ebenbildlichkeit geistig gemeint. Der Geist Gottes aber ist, wie wir wissen, der Geist der Liebe. Somit wäre der eigentliche Kern der Würde des Menschen dessen Liebesfähigkeit. Das passt zur christlichen Auffassung, dass der Mensch seiner Menschenwürde nur gerecht wird, wenn er Tempel Gottes ist, das heisst den Geist der Liebe in sich beherbergt.
Bei der Vorbereitung meines Referates zweifelte ich einen kurzen Moment, ob die Gleichung: "Menschenwürde ist Gottebenbildlichkeit, und Gottebenbildlichkeit ist Liebesfähigkeit" -- ob diese Gleichung, hier vorgebracht, nicht etwas banal wirken könnte. Aber, liebe Freunde, ich denke sie sind mit mir einig, dass die Feststellung, Gott sei Liebe, nie banal ist. Es geht um die fundamentalste Lebensfrage: Wonach sehnen wir uns? Und wir entdecken: Ob Gott unsere Sehnsucht ist, oder ob die Liebe unsere Sehnsucht ist ... --es ist dasselbe, es ist dieselbe Sehnsucht. Erlauben Sie mir drei Zitate:
Alfred Delp sagte:"Der Mensch ist so viel Mensch, wie er liebt."
Der Theologe Busch sagte: "Die Summe unseres Lebens sind die Stunden, in
denen wir liebten"
Und Bonhoeffer sagte: "Aller Sinn des Lebens ist erfüllt, wo Liebe ist".
Das sind einfache, fast selbstverständliche Sprüche _ und doch weit, weit entfernt von jeglicher Banalität!
Oft, und gerade dann, wenn wir Leidenden begegnen, haben wir das Gefühl, wir seien in unserer Liebesfähigkeit ungenügend. Als Christen, die ihre Zugehörigkeit zur der Gemeinschaft spüren, die Christus gegründet hat (und die wir gemeinhin "die allgemeine Kirche" nennen), wissen wir aber, dass uns Jesus in dieser Hilflosigkeit beisteht: Er will im heiligen Mahl ganz konkret, ohne dass wir dazu etwas leisten müssen, unser Herz mit Liebe stärken, indem Er selbst auf unbegreifliche Weise zu uns kommt, um in uns zu wohnen. Das veranlasste Paulus, den Leib als Tempel Gottes zu bezeichnen (1.Kor 6,19). Damit hat Paulus die Würde des Menschen vollständig beschrieben.
2.2. Menschenwürde und die christliche
Trilogie
"Leiden, Tod und Auferstehung"
Wir haben nun also gesehen, warum Menschenwürde sehr verschieden aufgefasst wird. Kurz gesagt: weil die einen sich selbst als vom Schöpfer geliebte, nach Seinem Ebenbild erschaffene Geschöpfe verstehen, die andern aber sich selbst infolge ihrer Vernunft und Autonomie als einzigartig empfinden. Dementsprechend möcht ich im Folgenden der materialistischen Menschenwürde die christliche gegenüberstellen und mich nun näher mit der Beziehung dieser zwei Arten von Menschenwürde zur christlichen Trilogie "Leiden, Tod und Auferstehen" befassen:
2.2.1 Menschenwürde beim Leiden und Sterben.
Wie gesagt halten es Euthanasiebefürworter für menschenunwürdig, wenn ein Mensch übermässig leidet. "Denn (sagen sie) des Menschen Würde bestehe doch in seiner Souveränität, also darin, dass er alles im Griff hat, dass er vernünftig eine Sachlage beurteilen und entsprechend überlegt handeln kann, im Bewusstsein seiner Vergänglichkeit und Grenzen... und dass er so sinnloses Leiden vermeiden kann"
Hier ist also von materialistischer Menschenwürde die Rede. Es ist unnütz, darauf zu antworten, Christus habe am Kreuz nichts von seiner Würde eigebüsst. Wir reden dann nämlich von christlicher Menschenwürde und würden sozusagen Birnen und Aepfel durcheinander bringen. Es wäre auch unklug, den Begriff "sinnloses Leiden" in Frage zu stellen; denn wir würden sofort heftig angegriffen, indem man uns unterstellen würde, wir liessen Leidende um irgendeines erfundenen himmlischen Lohnes willen leiden. Das ist natürlich barer Unsinn. Vielleicht ist der mystische Sinn des Leidens eben gerade der, dass versucht werden muss, es mit allen Mitteln zu lindern, ohne aber die Lieblosigkeit zu begehen, sich durch Töten definitiv des Leidenden zu entledigen (und damit auch der unbequemen Pflicht, ihm beizustehen). Jedenfalls erfahren wir alle immer wieder, dass im Umfeld von Leiden Liebe und Lieblosigkeit besonders deutlich hervortreten, als wäre das Leiden eine Vergrösserungslupe der Liebe.
Der amerikanische Philosophieprofessor Rachels (5) sagt zur aktiven Sterbehilfe folgendes:
"Stellt man die Behandlung einfach ein, dann kann sich das Sterben des Patienten noch hinauszögern, so dass er also mehr leiden müsste, als wenn sich der Arzt sofort zu direktem Handeln entschlösse und ihm eine tödliche Spritze gäbe. Diese Tatsache legt den Schluss nahe, dass auf Grund der einmal getroffenen Entscheidung, das Leiden nicht zu verlängern, die aktive Sterbehilfe in der Tat der passiven vorzuziehen ist, nicht aber umgekehrt. Ansonsten hiesse dies doch, dass man sich statt für weniger für mehr Leiden entscheidet, und dieser Entscheid widerum stünde im Widerspruch zu dem humanitären Antrieb des Arztes, der ihn überhaupt erst zu dem Entschluss veranlasst, ein solches Leben nicht zu verlängern."
Das erklärte Ziel der Euthanasie scheint also "Minimierung des Leidens" zu sein. Nun ist aber Leben, wie schon Buddha 500 v.Chr. zu Recht lehrte, unvermeidlich mit Leiden verknüpft. Das nun ist vielleicht schon ein bischen banale Lebensweisheit. Rachels müsste also zugeben, dass jedes "Lebenlassen" ein Entscheid "statt für weniger für mehr Leiden" ist. In letzter Konsequenz müsste man also die ganze Menschheit, ja alle lebende Kreatur sofort und vollständig euthanasieren. Damit würde das Leiden am radikalsten minimiert. Diese absurde Schlussfolgerung zeigt, dass "Minimierung des Leidens" auch für den Euthanasiebefürworter nicht das einzige Kriterium sein kann, einen Menschen zu töten. Der Euthanasiebefürworter wird sagen: Die Frage nach der Leidminimierung darf nur in Bezug auf Sterbende gestellt werden. _ Wir würden antworten, dass wir alle Sterbende sind, und dass in der Medizin nichts so unsicher ist wie die Prognose des Todeszeitpunktes, - ganz abgesehen davon, dass auch unter der Annahme, eine Prognose wäre möglich, immernoch unklar bleibt, wann jemand als Sterbender zu bezeichnen ist: wenn er nur noch einen Tag lebt? oder nur noch drei Tage, oder noch drei Wochen?
Nun wird der Euthanasiebefürworter sagen: Es gehe doch darum, ob das Leben eines Patienten mit allergrösster Wahrscheinlichkeit nur noch und ausschliesslich aus Leiden bestehen werde; dann sei dem Wunsch des Patienten nach aktiver Sterbehilfe nachzukommen. Er bilanziert Freud und Leid der verbleibenden Lebens-Spanne.
Darauf muss man antworten: Was sind denn die Freuden und Leiden des irdischen Lebens?! Selbst der atheistische Gesprächsparter wird beipflichten, dass Lebensfreude -- oder vielleicht sollte man eher sagen: Lebenserfüllung -- vor allem dann vermittelt wird, wenn man geachtet, anerkannt, respekiert wird, wenn ich das Gefühl haben kann, dass es meinem Nächsten nicht gleichgültig ist, ob ich lebe oder nicht lebe, kurz: Die Liebe ist der höchste positive Wert im Leben. Und in noch höherem Masse als das Geliebtwerden, ist das Lieben eigentliche Lebenserfüllung, Lebenquelle, Lebensmotivation (entsprechend dem apokryphen Jesuswort: "Geben ist seliger als Nehmen").
Wenn Nichtchristen sagen, sie verstünden nicht, warum beim Anblick des Gekreuzigten für Christen die Liebe Gottes sichtbar werde, dann muss man ihnen erklären: Selbstverständlich kommt nicht darin die Liebe Gottes zum Vorschein, dass Gottvater den Sohn in seinem Leiden sterben lässt (im "Eli Eli Sabachtani" liegt tatsächlich ein grosses Geheimnis), sondern darin, dass Gott selbst, als Menschgewordener am Kreuz in seinem Leiden die Menschen, sogar seine Peiniger, liebt. Jesus Christus hat, als Er am Kreuz sterbend sagte:"Vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun", die Uebermacht der Liebe bewiesen. In diesen seinen Worten leuchtet die göttliche Liebe auf, welche schon im Sterben die Auferstehung in sich birgt. "Teuer ist in den Augen des Herrn das Sterben seiner Heiligen." sagt der Psalm 116 (Vers 15); denn Heilige sterben segnend, liebend.
Und nun sehen wir, wie sich der Kreis schliesst: Wir haben gezeigt, dass nach christlichem Verständnis die Menschenwürde in der Liebesfähigkeit begründet ist. Jetzt verstehen wir, dass es auch bei der Würde des Sterbenden in erster Linie um dessen Liebesfähigkeit geht. Alles, was die Liebesfähigkeit eines Sterbenden fördert, ist Förderung seiner Menschenwürde, alles was sie beeinträchtigt, ist Verletzung seiner Menschenwürde. Die Liebesfähigkeit des Sterbenden wird aber durch nichts mehr gefördert, als durch die Liebe um ihn herum, die stets auch versucht, Leiden zu lindern. Das Leiden selbst aber verletzt nie die Menschenwürde.
Der Euthanasiebefürworter wird einwenden, dies sei schön und recht, aber es gebe eben doch immer wieder Extremfälle, in denen die Liebe nichts ausrichten könne, weil der Patient wegen seines Leidens für Liebe gar nicht mehr zugänglich sei und selber auch keine Liebe mehr geben könne. Darauf müssen wir entgegnen, dass wir dies nicht glauben; wir glauben im Gegenteil, dass das Gegengewicht zum Leiden, die Liebe, mächtiger ist als Leiden und Tod, und zwar sowohl die persönliche, auf ein Individuum gerichtete Liebe, als auch die Liebe zum Menschen an sich, die nicht unterscheidbar ist von der Liebe zum Schöpfer des Menschengeschlechtes. So glauben wir, dass in jeder Lebenslage, auch im Sterben, die Bilanzierung von positiven und negativen Erfahrungen zu Gunsten der positiven ausschlagen kann, weil eben die Liebe als Geist Gottes die Ur-Lebenskraft ist und allmächtig, "stärker als der Tod", wie das Hohelied sagt.
Erfahrungsgemäss lassen sich Euthanasiebefürworter von solchen Argumenten nicht beeindrucken. Ihre Meinung, die Liebe habe nicht in jedem Falle die Macht, das Leben lebenswert zu machen, ist ebenso ein unbeweisbarer Glaube wie unser Glaube an die wunderbare Macht der Liebe. Darum ist es wohl klüger, unsere Ablehnung der Euthanasie mit dem 5. Gebot zu erklären.
2.2.2. Menschenwürde und der Tod
Oft wird behauptet, in unserer Gesellschaft werde das Sterben verdrängt. Das stimmt nicht. Im Internet gab die Suchmaschine Google unter dem Stichwort "Euthanasia" 204 000 Adressen! Unter dem deutschen Stichwort Patientenverfügung 5 280! Es ist wohl kaum je so viel öffentlich über das Sterben geredet worden, wie in unserer Zeit. Wahr ist dagegen, dass in unseren städtischen Gesellschaften dieToten meistens rasch aus dem Blickfeld verbannt werden. Am Fernsehen sieht man zwar fast täglich verstümmelte Tote, und man besucht Ausstellungen von präparierten Leichen; aber die eigenen verstorbenen Angehörigen will man nur kurz als Tote sehen und möglichst schnell verabschieden. Das Aufbahren der Verstorbenen mit dreitägiger Totenwache, mit Beten und Segnen der Leiche ist kaum mehr üblich. Die Toten werden vielmehr behandelt, als wären sie bedeutungslose Materie, höchstens noch interessant als pathologisches Forschungsobjekte oder, wenn ganz frisch und sozusagen "tot aber sonst gesund", als Organspendermaterial. Diese rein materialistische Einstellung zum toten Körper verletzt aber nicht nur die Würde des verstorbenen Individuums, sondern des Menschen an sich. Denn Gott hat unsern Körper sehr hoch bewertet: Er will ihn auferstehen lassen. Als Christen glauben wir, dass der Mensch auch in der Ewigkeit ein leib-geistiges Wesen ist. Darum ist jede materialistische Geringachtung einer Leiche Lieblosigkeit gegenüber dem Verstorbenen und Verletzung christlicher Menschenwürde.
Der Zusammenhang des irdischen Leibes mit dem verklärten, ewigen Leib ist ein unlösbares Geheimnis; aber die katholische Kirche hat den Zusammenhang, und zwar auf Grund von Jesusworten, nie in Frage gestellt. Dies hat ja denn auch gelegentlich zu exzessiver Reliquienverehrung geführt, die gewiss nicht gutgeheissen werden kann und schon in vorkonstantinischer Zeit zu theologischen Auseinandersetzungen geführt hat (ich erinnere an das Schisma der Donatisten). Was ich sagen will ist dies: Das Verschwinden der Tradition, Totenwache zu halten, ist Symptom dafür, dass wir kein wirklich christgläubiges Verhältis mehr haben zu unserer Leiblichkeit. Und dies wiederum trägt dazu bei, dass auch unter Christen der Euthanasiegedanke sich einschleichen kann.
Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass auf der Rückseite dieses Andachtsbildchens, welches Kinder zeigt, die am Grabe Jesu Totenwache halten, ein Gebet steht, welches um einen "guten Tod" bittet. Euthanasie heisst ja übersetzt "guter Tod". Natürlich ist hier mit "gutem Tod" etwa das Gegenteil von Euthanasie gemeint: Nämlich ein Sterben in geistiger Vereinigung mit dem leidenden Christus.
2.2.3 Menschenwürde und die Auferstehung
Zum christlichen Glauben gehört ganz wesentlich die leibliche Auferstehung, zuallererst die Auferstehung des Herrn, dann die Auferstehung aller Menschen. Im christlichen Glauben hat unser jetziger, irdischer Leib eine Bedeutung in der Ewigkeit, im Zeitlosen. Der verklärte, ewige Leib der Auferstehung hat einen Bezug zum irdischen Leib. Wir verstehen das nicht, aber glauben es. Bekräftigt wird dieser Glaube dadurch, dass nach der Auferstehung Jesu die Frauen am Grabe Seinen Leichnam vergeblich suchten, und der auferstandene Jesus die Wundmale trug. Der Auferstehungsglauben löst Ehrfurcht aus vor dem Mysterium der Leiblichkeit unserer Existenz. Und diese Ehrfurcht wiederum muss (oder sollte) sich auswirken auf unsere Ansichten betreffend Organspende und auf die Einschätzung des leiblichen Leidens, auch wenn die transzendentale Bedeutung des Leidens ein Mysterium bleibt.
Unmittelbar vor dem Vers 28, dem Vers mit dem Sperling, sagt Jesus (Mat 10, 26) 28 "...fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen." -- Diese Bibelstelle kann für gnostische Tendenz missbraucht werden: Das heisst, man interpretiert dann die Bibelstelle in dem Sinne, dass die Seele unendlich viel wertvoller und wichtiger sei als der Leib. Auch die Bibelstelle Joh 12, 25, wo Jesus sagt "wer sein Leben hasst, wird es gewinnen" kann in diesem Sinne missbraucht werden. Die gnostische, nur-negative Sicht des Leibes führt szur Ansicht, der Leib sei der Kerker der Seele. Dies kann bei gnostischen Sekten zu Massensuiciden führen, wenn ein Guru den Kollektiven Ausbruch aus dem "Kerker Leib" verordnet.
Immer wieder in der Kirchengeschichte musste sich die Kirche gegen gnostische, Leib-verachtende Häresie wehren. Es ist aber gnostische Häresie, wenn wir den Leib eines unheilbar Kranken lediglich als dessen qualvolles Gefängnis ansehen. Wir müssen vielmehr auch den Leib des Leidenden als Instrument sehen, als Instrument, den Geist der Liebe aufleuchten zu lassen. Nicht der Leib, die Zeit ist unser Kerker!
Der für das Transzendentale offene Mensch ist allerdings nie ganz gefeit gegen gnostische Gedanken; und diese wiederum stehen der Euthanasiementalität nahe. Es ist also durchaus möglich, dass Euthanasie-befürworter sich als Christen ausgeben. Das Gespräch mit ihnen kann noch mühsamer sein als mit den Materialisten, die uns wenigstens zugestehen, ein in sich logisches Weltbild zu haben. Jedenfalls meine ich, dass es auch gegenüber den Gnostikern klüger ist, nicht lange über Euthanasie zu diskutieren, sondern auf das 5.Gebot zu verweisen.
3. SCHLUSSBEMERKUNGEN
Zurück zum eingangs genannten Ziel zu lernen, wie wir mit Materialisten ethische Diskussionen führen sollen.:
Die Diskussionsbeiträge christlicher Kreise folgen meistens dem gleichen Muster: Sie versuchen die Atheisten oder Agnostiker mit Argumenten zu beeinflussen, die keinen Glauben voraussetzen. Sie meinen, das seien im Gespräch mit Ungläubigen die besseren Argumente. Ich halte dies für falsch, ja, es könnte sich langfristig sogar als kontraproduktiv erweisen, wenn wir uns auf die Argumentetionsebene der rein utilitaristischen Ethik herablassen nach dem Schema: Euthanasie ist schlecht, weil wir nicht sicher sein können, dass der Todeswunsch des Patienten im Grunde nicht nur ein Hilfeschrei ist; oder: Die Abtreibung ist schlecht, weil sie das Post-Abortion-Syndrom auslösen kann, usw. Das klingt dann so, als wäre Abtreibung, wenn es kein Post-abortion-Syndrom gäbe, bzw. die Euthanasie, wenn der Todeswunsch echt wäre, für uns ethisch diskutabel. Damit würden wir aber unsern Glauben verleugnen, der uns unabhängig davon, ob diese Argumente zutreffen, das Töten verbietet.
Wenn wir materialistische Argumente vorbringen, wird unser Gesprächsgegner den Kampf sofort aufnehmen. Unsere materialistischen Einwände sind ihm längst bekannt, und die wohldurchdachten Antworten liegen schussbereit im Köcher.Wenn wir dann eine Niederlage erleiden, wird es umso schwerer, den christlichen Standpunkt weiter zu verteidigen. Ich wiederhole darum, dass wir nach meiner Meinung in allen ethischen Diskussionen ausschliesslich christliche Argumente vorbringen sollten. Wir sollten z.B. deutlich sagen, dass die christliche Auffassung von Menschenwürde nichts zu tun hat mit Autonomie. Wir sollten sagen, dass wir glauben und auch erfahren haben, dass christliche Charitas die Macht hat, jedem menschlichen Leben Glanz zu verleihen, und schliesslich sollten wir stereotyp argumentieren: Wir weigern uns, etwas mit Euthanasie zu tun zu haben, weil sie ganz klar gegen das 5. Gebot unserer Religion verstösst.
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Quellen:
1) Norbert Hoerster, in "Medizin und Ethik" Reclam 1989,
S.289
2) Akademie-Ausgabe, Band 4, Berlin 1903, 385-464.
3) Birnbacher in: http://www.gkpn.de/singer2.htm
4) Feuser in: http://bidok.uibk.ac.at/texte/wuerde_antastbar.html
5) James Rachels in: "Medizin und Ethik" Reclam 1989,
S.255.