Im Regionalspital Einsiedeln ist das erste Schweizer Babyfenster eröffnet.
Ein Hilfsangebot für extreme Situationen von der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind
9. Mai 2001
Das Regionalspital Einsiedeln und die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) eröffnen heute das erste Schweizer Babyfenster. Das Babyfenster ist ein Hilfsangebot für extreme Situationen: Wenn sich eine Mutter in einer subjektiv ausweglosen Situation sieht und glaubt, ihr Kind nicht behalten zu können, kann sie es anonym und legal in einen übergrossen «Briefkasten» an der Aussenwand des Regionalspitals Einsiedeln legen, an deren Innenseite ein Wärmebettchen steht. Nur einmal lässt sich das Fenster von aussen öffnen, danach ist es blockiert. Sobald ein Kind in das 37 Grad geheizte Wärmebettchen gelegt und das Fenster wieder geschlossen ist, wird ein verzögerter Alarm aktiviert. Krankenschwestern nehmen sich des Kindes an. Es kommt in gute Hände. Die Mutter kann es noch während sechs Wochen zurückfordern.
Immer wieder kommt es vor, dass Frauen bzw. Elternteile ihre Babys in Abfalleimern oder hinter einem Gebüsch aussetzen, misshandeln oder sogar töten. Sie sind in einer verzweifelten Situation, sehen keine Chance für ihr Baby und fühlen sich überfordert. Sie stammen aus ganz normalen Verhältnissen oder sind drogensüchtig, arbeiten im Milieu, sind ganz jung und haben die Schwangerschaft lange vor sich selbst verdrängt und geraten schliesslich in Panik. Die Handvoll Babys, die jedes Jahr in der Schweiz ausgesetzt oder tot aufgefunden wird, ist nur die Spitze des Eisberges.
Hier setzt das Babyfenster an: Es soll ein Ausweg angeboten werden, ähnlich jenem der Klosterpforte von früher. Durch die anonyme Übergabe in das Babyfenster wird die straflose Abgabe der Babys wieder möglich, ein «Ventil» für scheinbar unerträgliche Notsituationen. Mütter in Not können wieder Hoffnung schöpfen, sie können ihr Kind in sichere Obhut geben, ohne dass sie erkannt werden. Sie machen sich nicht strafbar, weil sie jede Gefährdung des Lebens des Kindes ausgeschlossen haben. Sie verdienen Achtung, weil sie in ihrer Not die beste Lösung für ihr Neugeborenes gesucht und gefunden zu haben.
Das Babyfenster Einsiedeln wurde monatelang vorbereitet. Nicht zufällig gewählt ist der Eröffnungstermin: gerade rechtzeitig zum Muttertag. Das Babyfenster soll ein Hilfsangebot für Mütter sein, die sich sonst nicht zu den Privilegierten der Gesellschaft zählen. Passend ist auch der Ort: Einsiedeln mit seinem Kloster strahlt etwas Positives aus, Wärme und Glaubwürdigkeit. Eine Mutter in einer ausweglosen Situation braucht einen Ort, der Glaubwürdigkeit ausstrahlt.
Das Babyfenster ist eine technische Lösung für ein gesellschaftliches Problem. Es bietet einem ungewollten Kind die Chance, in einer gesunden Familie aufzuwachsen und dadurch zu einem gewollten Kind zu werden. Das Babyfenster Einsiedeln ist ein Abbild der Deutschen Babyklappe. Seit rund einem Jahr gibt es in Deutschland solche Einrichtungen. Die Schweizerische Hilfe für Mutter und Kind hat diese Idee aufgenommen und als gemeinsames Projekt zusammen mit dem Regionalspital Einsiedeln realisiert. Es ist nun zu hoffen, dass Mütter in Not den Weg nach Einsiedeln finden. Jedes Baby, das in Einsiedeln abgegeben wird, ist ein Erfolg für diese neue Einrichtung.
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