Auswertung der Tagung: Psychische Folgen des Schwangerschaftsabbruchs --- Mythen und Fakten
10. Juni 2001
Dr. med. N. Zwicky-Aeberhard, ein Tagungsteilnehmer, hat uns über das Symposium folgende Beschreibung und Kommentare übermittelt. Die violett markierten Passagen sind jeweils den Abstracts der Kongressunterlagen entnommen, während der übrige Text vom Berichterstatter selber stammt. Der Bericht ist wie folgt gegliedert:
1. EINLEITUNG
2. REFERATE
Dr. Hubschmied, Präsident SGP: Einführungsreferat
Ellie Lee Ph.D., Southampton: The context of the development of the "PAS-diagnosis"
Dr. Fiala, Korneuburg (Wien): Was verändert Mifegyne in der psychischen Verarbeitung?
Anne C.GiIchrist M.D., Aberdeen: Termination of Pregnancy and Psychiatric Morbidity
4. EIN DIFFERENZIERTER APPROACH IST GEFORDERT
Symposium vom 31.5.2001 im Inselspital Bern: PSYCHISCHE FOLGEN DES SCHWANGERSCHAFTSABBRUCHS MYTHEN UND FAKTEN
Zu diesem Symposium haben folgende Gesellschaften eingeladen:
Schweiz. Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie SGP / SSP Société suisse de psychiatrie et Psychotherapie
Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP / FSP Fédération suisse des psychologues
Schweizer Psychotherapeuten Verband SPV / ASP Association suisse des psychothérapeutes
PLANeS Schweiz. Stiftung für sexuelle und reproduktive Gesundheit / Fondation suisse pour la santé sexuelle et reproductive
Schweiz. Gesellschaft für Fertilität, Sterilität und Familienplanung SGFSF / Société suisse de fertilité, stérilité et de planning familial SSFSPF
Schweiz. Gesellschaft für Prävention und Gesundheitswesen / Société suisse de santé publique
Auf der Einladung, wo alle obgenannten Gesellschaften aufgeführt waren, war eine Mitorganisatorin nicht erwähnt, nämlich die Schweizerische Vereinigung für den straflosen Schwangerschaftsabbruch SVSS. Die auf dem Programm angegebenen. Telefonnummern unter der Rubrik "Auskünfte" führte direkt ins Büro von Frau Rey, Präsidentin der SVSS. Bei diesem Umstand war es gegeben, den für das Symposium eingeladenen Autoren im Internet etwas nachzugehen. Dabei stellte sich heraus, dass es sich bei den Referenten ausschliesslich um konsequente Befürworter der Freigabe des Schwangerschaftsabbruchs handelte, welche beflissen sind, das Post-Abortion-Syndrom (PAS) zu negieren. Aufschlussreiches Detail: Ein Kollege bestellte ein Anmeldeformular für eine in Lebensrechtsfragen engagierte Aerztin; Frau Rey hängte ihm das Telefon auf nach der Bemerkung, sie wolle keinen Hörsaal voll von Abtreibungsgegnern.
Dr. Hubschmied, Präsident SGP: Einführungsreferat
War beeindruckt durch Fälle mit septischem Schock nach illegalem Schwangerschaftsabbruch (SSA). Habe in den ersten Jahren seiner Gutachtertätigkeit beobachtet, dass einige Frauen zur Abtreibung ins Ausland reisen mussten und habe stark darunter gelitten. SSA sei oft gerechtfertigt "aus Verantwortung heraus", z.B. wenn schon mehrere Kinder da sind. Glücklicherweise werde in der Schweiz seit 1979 de facto im Kanton Bern und dann auch in der ganzen Schweiz die Fristenlösung praktiziert, auch in kleinen Kantonen, wo allerdings mit etwas Tourismus nachgeholfen werden müsse.
Ellie Lee Ph.D., Southampton: The context of the development of the "PAS-diagnosis"
Abtreibung sei nicht Mord. Die Argumentation, wonach Abtreibung zu schwerwiegenden psychischen Folgen führen könne, sei in den USA in den frühen 80iger Jahren erstmals aufgetaucht. Diese Folgen wurden mit dem PTSD (post-traumatic stress disorder) verglichen, unter welchem Vietnam-Veteranen litten und mit PAS bezeichnet. In den USA sollen medizinische Fachorganisationen klargestellt haben, dass die Forschung keine Anhaltspunkte für die Annahme schwerwiegender psychischer Folgen des SSA bietet. So wird die American Psychological Association erwähnt, welche nachweise, dass die psychischen Probleme in der Regel vor der Abtreibung am grössten seien. Dazu ein Zitat: "Abortion inflicts no particular psychological damage on women (Nancy Adlet, Am.Psych.Ass.)". Oder Brian Wilcox der gleichen Organisation: "Antiabortion movement leaders had concluded that it would be impossible to muster an anti-abortion consensus on moral grounds. So they decided to follow the model supplied by the antismoking campaign and develop a case against abortion on public health grounds." Zudem hätten Lebensrechtler die Meinung verbreitet, SSA verursache Mamma-Carcinom. (Das ist tatsächlich so. Vgl. Int J Epidemiol 18:300-304, 1988; J Epidemiol Communinity Health 50: 481-496, 1996)
Schwendke Angelika Dr. med., Gynäkologische Sozialmedizin und Psychosomatik, Universtitäts Frauenklinik, Basel: Gibt es ein Post-Abortion-Syndrom?
Ein Teil von dem, was Frauen nach SSA negativ erleben, rühre von mangelnder Aufklärung und Tabudenken her.
Bericht über eine Telefonumfrage an 40 Patientinnen sechs Monate nach SSA: Von den 27 Patientinnen, welche mit einem Gespräch einverstanden waren, sagten 25, es gehe gut, zwei Patientinnen hatten die Verarbeitung noch nicht abgeschlossen. Von den gleichen 27 Patientinnen gaben 13 an, sie hätten keine Erinnerungen an den SSA bzw. Belastungen, 9 gaben immer wieder auftauchende, belastende Erinnerungen an, 5 konnten sich nicht konkret äussern. Ferner wurden zwei Fallbeispiele gebracht, eine 32-jährige Frau sei 15 Jahre nach SSA noch zu ihrem damaligen Entscheid gestanden, sei aber vom SSA noch belastet. Eine 39jährige Patientin, welche im Alter von 35 Jahren erstmals geboren hatte und 38-jährig nach einem SSA sterilisiert worden sei, habe darunter gelitten, dass sie gar nicht mehr schwanger werden könne. Den Entscheid zum SSA habe sie aber immer noch für richtig empfunden. Im Verlauf des Referats erfolgte ein interessanter Versprecher: Die Autorin zog den Schluss, dass "die Frauen häufig --- nein --- selten eine ungünstige Verarbeitung des SSA aufweisen".
Als einzige Autorin des Tages ging Schwendke auf den Mann ein, für den ein SSA auch ein einschneidendes Ereignis sein könne. Dabei zeigt sie ein Dia mit einem Mann und einem Kinderwagen im Regen.
Die Autorin erwähnte schliesslich die in Basel tätige Selbsthilfegruppe "Frauen helfen Frauen".
Auf die Frage aus dem Publikum, ob es Kontrollgruppen gebe und was 10 Jahre nach dem SSA passiere, antwortete die Autorin: Keine Kontrollgruppen; keine Studien bekannt für 10 Jahre danach.
Eliane Perrin Dr en sociologie; F.Bianchi-Demicheli Dr. med., Universitätskliniken, Genf: Vie sexuelle et devenir du couple apres IVG
Die Autoren legen eine Studie vor, deren Ziel es war, den Einfluss des SSA auf das Sexualleben der Frau, die Paarbeziehung und das kontrazeptive Verhalten zu evaluieren.
"Im Rahmen dieser qualitativen und quantitativen Prospektivstudie wurden 103 Frauen, die sich einem Schwangerschaftsabbruch mit der Aspirationsmethode und unter Vollnarkose unterzogen, vor und sechs Monate nach dem Eingriff befragt. Sie antworteten auf einen Fragebogen mit offenen und geschlossenen Fragen und auf zwei psychologische Tests (Locke-Wallace und Horowitz). Die Frauen signalisierten mehrheitlich keine Veränderungen in ihrem Sexualleben und in ihrer sexuellen Befriedigung nach dem SA. 18% bemerkten eine Verminderung ihrer Libido und 17% hatten Schwierigkeiten, einen Orgasmus zu erreichen. Ungefähr ein Drittel der Frauen gaben psychosomatische Symptome an. Eine Minderheit wurde durch das Erlebnis traumatisiert. 98% der Frauen waren über Schwangerschaftsverhütung informiert und hatten in der Verqanqenheit eine oder mehrere Methoden angewendet; 69% hatten im Zyklus vor Eintreten der ungewollten Schwangerschaft eine Methode angewendet; 31% hatten kein Verhütungsmittel verwendet Sechs Monate später wendeten 83% der Frauen eine Verhütungsmethode an. 14 der 84 Frauen, die mit ihrem Partner zusammenlebten, hatten die Beziehung abgebrochen (eine von sechs).
Sechs Monate nach dem SA scheint die grosse Mehrzahl der befragten Frauen das Erlebnis gut
verarbeitet zu haben. Eine Minderheit wies fortdauernde Störungen ihres Sexuallebens und/oder
psychosomatische Symptome auf."
Bei den Übungsbestimmungen zur Studie ist bemerkenswert, dass die Interviews 6 Monate nach SSA nicht im Spital, sondern an einem Ort der Wahl der jeweiligen Patientin stattfanden "pour ne pas revenir à ce lieu d'un mauvais souvenir".
92 von 103 Frauen seien schliesslich nicht psychisch betroffen vom SSA, 11 Frauen litten unter einem psychischen Trauma, einige davon aber wegen anderen Ursachen. Es handle sich also um 10% psychisch traumatisierte Frauen, das sei genau das gleiche Verhältnis wie in der Allgemeinbevölkerung (der Berichterstatter erinnert sich nicht genau, ob die letzte Aussage am Symposium gemacht wurde; sie steht aber in l'Hebdo vom 23.3.2000, wo die gleiche Studie beschrieben ist.) Schuldgefühle seien im übrigen lediglich ein Produkt des sozialen Umfelds.
Dr. Fiala, Korneuburg (Wien): Was verändert Mifegyne in der psychischen Verarbeitung?
In der Klinik von Dr. Fiala ist seit 1999 der SSA mittels Mifegyne Routine. Der Autor gibt gleich seine Homepage bekannt: www.mifegyne.at oder www.abtreibungspille.at. Er beschreibt die Phase der Entscheidungsfindung bis zur Einnahme von Mifegyne und bezeichnet diesen Moment richtig als point of no return; zwischen der Einnahme von Mifegyne und der nach zwei Tagen erfolgenden Einnahme von Cytotec erfolge die Phase der Auseinandersetzung. An seiner Klinik sei der "Erfolg" von Mifegyne 97,2%. Interessant ist das blanke Zugeständnis "Wir sehen immer wieder, dass Frauen trotz Pille schwanger werden". Er macht sich gleichzeitig lustig über den "Stummen Schrei" und über das Gefühl einiger Frauen, die Abtreibung sei mit der Beerdigung eines Menschen gleichzusetzen. Fiala lobt Holland als weltweit erstes Vorbild. Auf die eigentliche Problematik geht er gar nicht ein.
"Auf Grund der frühen Behandlung war bei 70% der von uns behandelten Frauen noch keine foetale Herzaktivität darstellbar, was als große Entlastung empfunden wird. So wird verständlich, daß die meisten Frauen die frühe Behandlungsmöglichkeit auch als größten Vorteil der Methode angeben."
Nancy Felipe Russo Ph.D.; Arizona State Universlty: Abortion and Mental Health --- Understanding the Relationship
"Die Idee, ein Schwangerschaftsabbruch habe häufig schwerwiegende negative psychische Folgen für die betroffenen Frauen, wird in der ganzen Welt verbreitet. Es wird versucht, ein "Post Abortion Syndrom" zu konstruieren und gesetzlich festzuschreiben, dass Ärztinnen und Ärzte ihre Patientinnen vor wahrscheinlichen Depressionen und ändern schwerwiegenden psychischen Problemen warnen müssen. Dabei wird die Tatsache, dass "Wechselbeziehung" nicht gleichzusetzen ist mit "Ursache", oft ignoriert. Resultate unkontrollierter Studien werden missbraucht, um solche Gesetzesvorschriften zu verlangen.
In diesem Referat wird die Berechtigung solcher Forderungen untersucht. Die Befunde betr. den Zusammenhang zwischen Abtreibung und Depression aus einer grossen nationalen Langzeitstudie amerikanischer Frauen werden dargelegt. Die Befunde basieren auf einer nationalen Stichprobe von 5295 Frauen, die von 1979 bis 1992 beobachtet wurden.
Wenn im Vergleich der Frauen mit oder ohne Schwangerschaftsabbruch verschiedene Variablen wie das Selbstwertgefühl zu Beginn der Studie, Bildung, Einkommen, Berufstätigkeit, Zivilstand und Kinderzahl kontrolliert wurden, war der wichtigste Bedingungsfaktor für Wohlbefinden im Jahr 1987 und für Depression im Jahr 1992 das Wohlbefinden 1980 - das heisst, das Wohlbefinden bevor ein Schwangerschaftsabbruch stattgefunden hatte. Ausserdem ergab sich weiterhin zwischen den Faktoren Berufstätigkeit, höheres Einkommen, längere Ausbildung und kleinere Kinderzahl unabhängig voneinander ein signifikanter Zusammenhang mit grösserem Wohlbefinden. Als im Jahr 1992 Depression untersucht wurde, ergab sich wiederum kein signifikanter Einfluss eines Schwangerschaftsabbruchs, wenn soziale Bedingungsfaktoren und Kinderzahl kontrolliert wurden.
In einer anderen Studie ergab die Analyse der Antworten aus einer nationalen Stichprobe von 2525 Frauen, dass Frauen, die über einen Schwangerschaftsabbruch berichteten, häufiger als die anderen Frauen Symptome einer Depression und geringere Zufriedenheit mit ihrem Leben erwähnten. Gleichzeitig berichteten sie aber auch häufiger über eine erlebte Vergewaltigung, über körperliche und sexuelle Gewalt in der Kindheit und über einen gewalttätigen Partner. Wenn das Erleben eines sexuellen Missbrauchs, Partnercharakteristiken und das soziale Umfeld kontrolliert wurden, gab es wiederum keinen Zusammenhang zwischen einem Schwangerschaftsabbruch und einem schlechteren psychischen Gesundheitszustand."
Anne C.GiIchrist M.D., Aberdeen: Termination of Pregnancy and Psychiatric Morbidity
In England wird etwa jede 5. Schwangerschaft abgebrochen.
"In einer gemeinsamen Studie des Royal College of General Practitioners (Gesellschaft für Allgemeinmedizin) und des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe) gaben über 13'000 Frauen, die ungewollt schwanger geworden waren, ihre Einwilligung, dass ihre Hausärzte in der Folge Daten über sie an das Forscherteam weiter gaben. Das Risiko psychologischer Probleme von Frauen, die die Schwangerschaft abbrechen liessen (N= 6410) wurde mit dem Risiko jener Frauen verglichen, die die Schwangerschaft austrugen (N= 6841). Dabei wurden Alter, Zivilstand, soziale Schicht und das Vorhandensein früherer psychischer Probleme berücksichtigt. Frauen mit Schwangerschaftsabbruch wiesen kein erhöhtes Risiko späterer psychischer Probleme auf.
Unter den Frauen, die die Schwangerschaft abbrechen liessen, traten psychische Probleme nach dem Abbruch häufiger auf bei jenen Frauen, die schon früher psychische Schwierigkeiten gehabt hatten, als bei Frauen, die vorher keine solchen Probleme kannten.
Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass Schwangerschaftsabbruch an sich nicht mit einem erhöhten Risiko späterer psychischer Störungen verbunden ist. Dieses Wissen kann für die einzelne Frau, die vor dem Entscheid für oder gegen eine Schwangerschaft steht, wichtig sein. Sie ist wichtig für Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Sozialpolitische Entscheide, zum Beispiel bezüglich der Gesetzgebung über den Schwangerschaftsabbruch, sollten durch andere Überlegungen geleitet sein."
Schliesslich räumt Gilchrist ein, dass in Grossbritannien Frauen nach SSA häufiger den Hausarzt aufsuchen.
Winfried Barnett, Dr. med.Dipl.Psych., Heidelberg: Psychische Folgen des Schwangerschaftsabbruchs für Patientin und Partnerschaft, die Kieler Repräsentativstudie
Der Autor konnte krankheitshalber nicht zur Tagung erscheinen. Hier folgt sein Autoreferat:
"Von allen 263 Kieler Frauen, bei denen innerhalb eines Quartals ein nicht medizinisch indizierter Schwangerschaftsabbruch durchgeführt wurde, wurden 117 (45%) ca. 2 Wochen vor und ein Jahr nach der Abruptio psychologisch untersucht. Das untersuchte Kollektiv unterschied sich in seinen demographischen Variablen nicht von dem nicht untersuchten.
Ein Jahr nach der Abruptio waren 79% der Frauen in den angewandten Fragebögen und standardisierten Interviewfragen unauffällig; 14% hatten ihr seelisches Gleichgewicht noch nicht wiedererlangt, ohne jedoch in ihren Alltagsaktivitäten beeinträchtigt zu sein. 7% zeigten eine deutliche, auch ihre Alltagsaktivitäten einschränkende Beeinträchtigung. Die insgesamt 21% mit Bewältigungsschwierigkeiten waren bereits präabortiv depressiver als die unbeeinträchtigten Frauen. Ein Jahr nach der Abruptio waren sie ebenfalls signifikant depressiver, unzufriedener mit ihrer Lebenssituation und ihrem Sexualleben, zweifelten stärker an der Richtigkeit ihrer damaligen Entscheidung zur Abruptio und berichteten über stärkere postabortive Schuldgefühle als die unbeeinträchtigten Patientinnen. Signifikant häufiger mit solchen späteren emotionalen Schwierigkeiten verbunden waren Unterschichtzugehörigkeit, finanzielle Probleme, keine Fähigkeit, Sexualität und Fortpflanzung intrapsychisch voneinander zu trennen, keine oder schlechte Partnerbeziehung sowie partnerschaftliche Dissonanzen zum Zeitpunkt des Schwangerschaftsabbruchs, vor allem ein stärker als die Frau zur Abruptio tendierender männlicher Partner.
Für diejenigen 92 der insgesamt 117 Patientinnen, die zum Zeitpunkt des Schwangerschaftsabbruchs in einer festen Partnerschaft lebten, wurde bei der Erstuntersuchung eine nach Alter, Familienstand, Kinderzahl, Schulabschluß und Dauer der Partnerschaft parallelisierte Kontrollgruppe aus Frauen, die Antikonzeption mittels Pille oder Intrauterinpessar betrieben und die aus allen gynäkologischen Praxen Kiels rekrutiert wurden, gebildet. Die Kontrollgruppe wurde zu denselben Zeitpunkten wie die Abruptiopatientinnen mit denselben Instrumenten wie diese hinsichtlich ihrer Partnerschaft untersucht. Nach diesen Meßinstrumenten waren die Partnerschaften der Abruptiopatientinnen zum Zeitpunkt des Schwangerschaftsabbruchs statistisch signifikant weniger harmonisch und stärker konfliktbeladen als diejenigen der Kontrollgruppe. Ein Jahr nach dem Schwangerschaftsabbruch waren von den 92 festen Partnerschaften der Abruptiopatientinnen 20, von denjenigen der 92 Kontrollpatientinnen 16 auseinandergegangen. Der Unterschied der Trennungshäufigkeiten ist statistisch nicht signifikant t=0.55). Bei den Abruptiopatientinnen waren alle 20 Trennungen jeweils von der Frau ausgegangen, in der Kontrollgruppe 7 von 16. Die erhalten gebliebenen Partnerschaften von Abruptio- und Kontrollgruppe unterschieden sich bei der Nachuntersuchung hinsichtlich Harmonie und Konfliktbeladenheit nicht mehr voneinander."
Wenn auch, wie z.B. bei Frau Schwendke, unterschwellig da und dort zu spüren war, dass die Existenz eines PAS doch irgendwie wahrgenommen wurde, schien es den Autoren darum zu gehen, dass PAS als inexistent zu beschreiben. Dazu ist aus dem schon genannten L'Hebdo vom 22.6.00 wiederum Bianchi-Demicheli zu zitieren, wenn er die Frage stellt, ob nicht das Lobbying der Abtreibungsgegner vor allem für die postabortive Traumatisierung verantwortlich sein könnte. Wörtlich: "En créant une teile pression, on ne sait plus vraiment ce qui, dans le traumatisme, tient à ce lobbying ou à l'acte d'avorter". Zudem seien ja Schuldgefühle lediglich ein Produkt des sozialen Umfelds. Sehr vereinfachend ist auch die Aussage von Fiala, wonach wegen fehlender Darstellbarkeit der foetalen Herzaktivität die frühe Behandlungsmöglichkeit mittels Mifegyne ein grosser Vorteil sei. Bedenklich auch die in der Diskussion gemachte Aussage von Frau Nancy Russo, wonach eine Adoption "very stressful" sei, ohne weiteres Eingehen auf das Thema der Adoption. Angesichts der enormen Abtreibungszahlen (in der Schweiz offiziell um 13'000 pro Jahr, in Frankreich, wie ich am Morgen des Symposiums während der Nachrichten von Radio DRS hörte 200'000 pro Jahr) sind die Patientenzahlen in den abgehandelten Studien lächerlich klein. Der beobachtete Zeitraum nach SSA, oft nur 6 Monate, im Maximum 13 Jahre (bei Nancy Russo) entspricht nicht wissenschaftlicher Sorgfalt. Ich erinnere nur an PAS-Symptome bei Frauen in Altersheimen! Oder an den nicht einsam dastehenden Fall einer Bäuerin, von dem mir ein reformierter Pfarrer erzählte: Dieser wurde vom Dorfarzt zur betagten Patientin gerufen, da sie nach Auskunft des Arztes eigentlich längstens tot sein sollte. Der Pfarrer wurde vom Arzt gebeten, sich jetzt um die Frau zu kümmern. Am Ende eines mehrstündigen Gesprächs fragte der Pfarrer, wieviele Kinder sie habe. Sie antwortete: "12, das 13. habe ich abgetrieben"; sagte es und verschied friedlich. "Eine wahre Beichte" bemerkte der reformierte Pfarrer mir gegenüber.
Die in verschiedenen Referaten angegebenen eher niedrigen Trennungsraten nach SSA sind sicher nicht repräsentativ. Dr.Maria Simon, Würzburg z.B. geht aufgrund ihrer ausgedehnten Studien davon aus, dass "bis zu 50% der Partnerschaften nach dem SSA zerbrechen". Gegen die Banalisierung des PAS spricht auch eine finnische Studie im British Medical Journal (BMJ 313, 1431-1444, 7.Dec 1996), in welcher die Selbstmordrate nach Schwangerschaft in Finnland in den Jahren 1987 - 1994 untersucht wurde. Unter den 15 - 49-jährigen Frauen betrug die durchschnittliche Suizidrate 11,3 pro l00'000. Frauen, welche im Beobachtungsjahr eine Geburt hinter sich hatten, wiesen eine erniedrigte Rate auf, nämlich 5,9 pro l00'000. Nach Spontanabort betrug die Rate 18,1, nach SSA 34,7 pro l00'000. Die Autoren zogen folgenden Schluss: "Our data clearly show, however, that women who have experienced an abortion have an increased risk of suicide, which should be taken into account in the prevention of such deaths". Eine klare Sprache! Noch ein Wort zum Vorwurf, Lebensrechtsorganisationen würden eine erhöhte Brustkrebsgefahr geltend machen als Argument gegen den SSA. Der Vorwurf ist fehl am Platz. Genauso wie die Einnahme von Ovulationshemmern erhöht der SSA die Gefahr, an Brustkrebs zu erkranken; sehr sorgfältige Literaturzusammenstellung bei Chris Kahlenborn.
4. EIN DIFFERENZIERTER APPROACH IST GEFORDERT
Seitens der Tagungsleitung und der Referenten wurde, wie gezeigt, das Vorkommen eines PAS bezweifelt bis abgelehnt. So gab es nach Nancy Russo, welche für die eingeladenen Referenten einigermassen repräsentativ war, keinen Zusammenhang zwischen einem Schwangerschaftsabbruch und einem schlechteren psychischen Gesundheitszustand. Ingolf Schmid-Tannwald, Professor für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Universität München sieht dies anders und differenzierter. Er kennt und definiert das PAS. Er unterscheidet wie Dr. Maria Simon vier Stadien der Konfliktbewältigung nach SSA: Die Verdrängung, die Projektion, die Rechtfertigung und die Konfrontation. Selbstverständlich anerkennt er auch das mögliche Vorhandensein und der Einfluss vorbestehender psychischer Schäden oder ungünstiger psychosozialer Situationen. So folgert er, dass der dringende Verdacht auf das Vorliegen eines PAS sich letztlich nur durch die Wirkung einer die Abtreibung aufarbeitenden Behandlung bestätigen lässt. Für uns, die wir uns gegen den SSA und für die Heilung PAS-befallenen Frauen einsetzen, bedeutet dies:
- Erkennen und Registrieren vorbestehender psychosozialer Probleme und psychischer Schäden
- Wahrnehmung von Verschlimmerungen solcher Gegebenheiten durch einen SSA
- Differenzierung PAS-spezifischer Symptome und Schäden
Diese differenzierte Denkweise entspricht der Sorgfaltspflicht in der wissenschaftlichen Arbeit und Diskussion, eine Sorgfaltspflicht, welche am beschriebenen Symposium gänzlich oder zumindest weitgehend vermisst wurde.
Wie ich es schon früher angeregt habe, sollte, so schwierig das auch ist, eine europa- oder weltweite Studie iniziiert werden zur Vertiefung von Klinik und Therapie des PAS, dessen Existenz gerade durch diejenigen bestätigt wird, die es leugnen.
Dr. med. N. Zwicky-Aeberhard, ein Tagungsteilnehmer
Links:
Pressemeldung der SHMK vom 31. Mai 2001 über Symposium am Inselspital in Bern: Abtreibungslobby vereinnahmt schweizerische medizinische Fachverbände
Literatur:
Gissler M., Hemminki E., Lönnqvist J., Suicides after Pregnancy in Finland, 1987-94: Register Linkage Study: BMJ 313 (1996) 1431-1434.
Morgan C.L., Evans M., Peters J.R., Currie C., Suicides after pregnancy: Mental Health May Deteriorate as a Direct Effect of Induced Abortion: BMJ 314 (1997) 902.
Bücher (Diese können bei uns bestellt werden):
Ich sehe mein Kind im Traum - Reflexionen zur Kultur des Lebens
Analyse von Grundhaltungen, die zum gesellschaftlichen Klima einer Abtreibungs-Kultur führen.
Gesamtüberblick zur Lebensrechtssituation in Österreich, der Schweiz und in Deutschland.
Struck Karin, ISBN 3-901785-06-X, Verlag Fiat Domine, Neuauflage 1999, sFr. 30.-Myriam ... warum weinst Du?
Die Leiden der Frauen nach der Abtreibung. "Post-Abortion-Syndrom" PAS
Erlebnisberichte von betroffenen Frauen. Ärzte berichten über die psychischen Folgen der Abtreibung.
Stiftung "Ja zum Leben" - Mütter in Not (Hrsg.), ISBN 3-952192-0-2, Goldach 1996, sFr. 19.50
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