Abtreibung tötet eine Person

Abtreibung tötet eine Person, Vortrag vom 24. Sept. 2001 am der Tagung von HLI-Schweiz

von Karin Struck (* 14. Mai 1947 † 6. Februar 2006)

Vita

Karin Struck, geb. im Mai 1947 bei Greifswald in Vorpommern, lebte als freie Schriftstellerin in München. Sie wuchs nach der Flucht von Eltern und Geschwistern aus der DDR 1954 in Nordrhein-Westfalen auf und studierte in Bochum, Bonn und Düsseldorf. Als junge Studentin veröffentlichte sie mit 25 Jahren im März 1973 ihren ersten, sehr erfolgreichen Roman Klassenliebe im Frankfurter Suhrkamp-Verlag. Weitere Erzählwerke folgten: Die Romane Die Mutter 1975, Karin Strucks Version von Gorkijs, Brechts und Pearl S. Bucks Mutter-Büchern, lieben 1977, das von Liebe, Tod und Abtreibung handelt, sowie 1987 die von Peter Beauvais 1979 verfilmte Erzählung Trennung, in der sie wiederum das Thema Liebe und ihre furchtbare Schattenseite, die Abtreibung, darstellte. 1982 veröffentlichte sie das Schriftstellertagebuch Kindheits Ende, in dessen Zentrum das Problem der illegalen Drogen steht. In der 80er Jahren erschienen die Romane Finale, ein Natur- und Gesellschaftsroman, Liebesgeschichte, sowie Bitteres Wasser, ein sozialer Roman und das Porträt eines alkoholkranken Mannes und Betriebsrats. In den 90er Jahren des 20.Jhds. legte die Autorin ihren ersten Erzählungsband Männertreu mit der gleichnamigen Titelerzählung über einen zu DDR-Zeiten im K2 Sachsenhausen internierten Mann, das Sachbuch. Ich sehe mein Kind im Traum, Plädoyer gegen die Abtreibung, den Roman Blaubarts Schatten, in dem sieden Märchen- und Legendenstoff des Ritters Blaubart auf das Zeitthema Abtreibung überträgt, und zuletzt den Tagebuchroman Ingeborg B – Duell mit dem Spiegelbild über den Karin Struck arbeitet auch in diversen Brotberufen, als Studentin als au-pair-Mädchen , in Fabrik und Büros, als freie Schriftstellerin als Gastdozentin, Rezensentin, Drehbuchautorin, Schauspielerin, Regisseurin und schliesslich Leiterin von Workshops und Vortragsreisende in Europa, Amerika und Australien und als Angestellte in einer Klinik sowie als Köchin, Erzieherin und Hauswirtschafterin. Sie war 1988 writer in residence im australischen Brisbane und 1989 Mitglied der vom Südwestfunk berufenen Peter-Huchel-Jury.

Karin Struck war Mutter von fünf Kindern im Alter zwischen 13 und 31 Jahren, von denen sie eines, ihre Tochter Miriam Leah, durch Abtreibung verlor. Schmerz, Leid und Unrecht der Abreibung thematisierte sie in ihren Büchern, wodurch sie sich seit ihrem Buch Ich sehe mein Kind im Traum das Wohlwollen der Medizin verscherzte.

Die Autorin war verheiratet und ab1981 alleinerziehende Mutter. Ihre essayistische Streitschrift Ich sehe mein Kind im Traum erschien in einer vollständig überarbeiteten Neuauflage mit dem neuen Untertitel Reflexionen zu einer Kultur des Lebens 1999 im kleinen ambitionierten Wiener Verlag Fiat Domine.

Karin Struck erhielt in den 70er Jahren diverse Auszeichnungen, so 1974 den Rauriser Literaturpreis der Stadt Salzburg, sowie 1975 den Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde Esslingen. 1991 verlieh die Stiftung Ja zum Leben der Gräfin Johanna von Westphalen der Schriftstellerin (zusammen mit Anke Henke) den Lebensschutzpreis der Stiftung. Die Laudatio hielt Frau Prof. Dr. Gertrud Höhler.
Im Jahr 1996 konvertierte die Autorin auf der Suche nach der verlorenen Ehrfurcht vor Gott zum katholischen Glauben. Was der Glaube nicht nur für sie persönlich, sondern insbesondere auch für ihre weiteres schriftstellerisches Werk und ihre intellektuelle Existenz bedeutet, kann nur die Zukunft zeigen (sie arbeitet gegenwärtig an einem grösseren Romanwerk, das inspiriert ist vom Gleichnis vom Verlorenen Sohn). Lebensmotto der Schriftstellerin: Ohne Liebe ist alles leeres Getön und Alles hat seine Zeit. 

Karin Struck starb am 6. Februar 2006 nach einer langen Krebskrankheit.

Abtreibung tötet eine Person

(Veröffentlichung des Vortrags mit Zustimmung von Karin Struck, ihr sei an dieser Stelle dafür herzliche gedankt. Das Copyright bleibt ausschliesslich bei der Autorin)

Manche sprachen im damals noch geteilten Deutschland, im Westen, bereits Mitte der 70er Jahre, vor der ersten, dann wieder Anfang der 90er Jahre vor der weiteren noch umfassenderen Liberalisierung des § 218 von einem Dammbruch. Inzwischen, mehr als ein Vierteljahrhundert später, sprechen und schreiben einige wiederum von einem Dammbruch – so als befände sich die Gesellschaft nicht längst jenseits des Dammbruchs. Denn sie hat sich nicht nur offiziell darauf geeinigt, daß Abtreibung kein Unrecht mehr sei, sondern das Recht einer selbstbestimmten Frau, in „verantworteter Gewissensentscheidung“ darüber zu befinden, ob sie das ungeborene Kind „austrägt oder behält“.

Den 70er und den 90er Jahren war gemeinsam, daß sie in den jeweiligen erhitzten Diskussionen vor den Gesetzesänderungen allgemein das ungeborene Kind nicht als Person ansahen. Im Gegenteil übertrafen sich alle Gruppierungen darin, das Kind zu einem Nichts zu deklarieren bzw. es immer wieder mit rohesten Worten zu einer Un-Person, einem Tier, einem Etwas und Es und zu etwas Vegetativem abzuwerten.

Dies setzt sich bis heute fort. In der kürzlich über uns hereingebrochenen Debatte über die „Stammzellen“ von „überschüssigen Embryonen“ lebte das negative und abwertende Vokabular besonders intensiv, ja aggressiv wieder auf. Im Sommer 2001 etwa behauptete der Geschäftsführer eines Unternehmens, das „überschüssige Embryonen“ quer durch die USA aufkauft und 30 Patente auf die „Forschung mit befruchteten Eizellen“ hält, Embryos seien „keine Menschen“, es handele sich um „gefrorenen Überschuß. Und während es in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder hieß, das ungeborene Kind sei „ein Zellhaufen“ oder „ein himbeerähnliches Gebilde“, behauptet in der Diskussion über die Stammzellenforschung etwa die diabeteskranke Schauspielerin Mary Taylor Moore, „diese Embryos (hätten) mit dem Menschen so viel gemeinsam wie ein Goldfisch“. Sie steht mit ihrer Überzeugung und Sprechweise für viele.

In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde von der feministischen Bewegung unter anderem der Slogan geprägt „mein Bauch gehört mir“. Alice Schwarzer, die mächtigste deutschsprachige Feministin, ließ sich zwar einmal zu der Bemerkung hinreißen „wenn es (=das ungeborene Kind) ein Mensch wäre, wäre es (=die Abtreibung) Mord“, aber selbstverständlich war ihr „Wenn“ für sie und die gesamte feministische Bewegung ganz hypothetisch, und das ist es bis heute geblieben. „Mein Bauch gehört mir“ enthielt unausgesprochen die Überzeugung, daß das ungeborene Kind ein Teil des Bauches der werdenden Mutter sei, nicht mehr also als ein Organ, ein eigenes Körperteil. Die eigenständige Existenz eines genetisch kompletten Menschen, einer Person im vorgeburtlichen Wachsen, wurde durch diesen Slogan, der sich festsetzte wie ein Ohrwurm, kategorisch abgestritten und geleugnet. Später und heute braucht man einen Slogan dieser Art nicht mehr. Denn die sublimen Botschaften, die er transportierte, sind längst Allgemeingut.

In den 70er Jahren etwa mußte man, um ein liberales Abtreibungsrecht (längst nicht mehr: –strafrecht) zu erreichen, noch die (bei illegalen Abtreibungen) „auf den Hinterhöfen verblutenden Frauen“ vorschieben, um die „freie Wahl“ der Frau abzutreiben zu verteidigen und zu fordern. Man wollte damit das Mitleid der Menschen nutzen! Und diese sublime und nicht selten demagogische Manipulation hat immer ihre Wirkung getan. Auch dies hat man heute nicht mehr nötig – außer in der Debatte um die Stammzellenforschung. Da taucht das Mitleid als Manipulationsmittel und politisches Instrument wieder auf: Diesmal als Mitleid mit den schwer und unheilbar Erkrankten, die angeblich nur aus durch Forschung an embryonalen Stammzellen gewonnenen Heilmitteln zu retten seien.

Es zieht sich durch die letzten ca. drei Jahrzehnte politische und gesellschaftliche Diskussion um das Thema „Abtreibung“ wie ein – in doppelter Bedeutung – roter Faden die Vorgabe, der Mensch sei vor seiner Geburt „kein Mensch“ oder „noch kein Mensch“; er sei „keine Person“. Ich erinnere mich an Artikel von Gehirnforschern in renommierten Zeitungen wie der Zeit u.a. in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts , die begründeten, warum der vorgeburtliche Mensch angeblich noch kein Mensch sei. Es gab auch Leute, wie einen gewissen australischen Philosophen, der dieses Nicht-Menschsein, dieses Un-Personsein noch weiter hinausschoben, bis zur Geburt und darüber hinaus. Dies aber soll uns hier nicht so sehr beschäftigen. Mich beschäftigt vielmehr die Frage, wie die Sophismen und Rechtfertigungslehren diverser Wissenschaftler, Juristen, Politiker und Philosophen das Bewußtsein der von Abtreibung versuchten und heimgesuchten Frauen beinflußten. Ich habe bewußt und provokativ formuliert: „Abtreibung tötet eine Person“ und wünschte, ich könnte diese Behauptung in einer schwindelerregenden Sprache etwa eines Jürgen Habermas ummänteln (siehe etwa dessen Aufsatz zur Stammzellenforschung, in Süddeutsche Zeitung Nr. 213 v. 15./16.9.01) – aber vielleicht wünsche ich das auch nicht wirklich. Denn seit Jahrzehnten gibt es derartige Spiegelgefechte, und all die Zeit sterben die vorgeburtlichen Kinder unter dem Diktum, sie seien „nichts als Blut und Gewebe“.

Habe ich also nur mein Frausein, mein Muttersein, meine schriftstellerische und künstlerische Intuition, die mir sagen, daß das vorgeburtliche Kind nicht bloß ein Etwas oder ein Nichts, nicht etwas Tierhaftes, bloß Vegetatives, nicht eine Art Blinddarm, nicht ein Regenwurm und kein Goldfisch ist? Es ist wahr, vielleicht habe ich bloß diese meine Sprache und diese meine Literatur und ihre Instrumentarien, aber wer sagt, daß sie weniger wert sind als die der Philosophen, Soziologen, Politiker und der Feministinnen? Nicht zufällig habe ich mein intensivstes Buch zum Thema Ich sehe mein Kind im Traum genannt. Der Titel ist der Hinweis auf den Wert der Vision und des Traums als Erkenntnismittel. Traum und Vision – nicht zuletzt auch die Sprachanalyse, wie ich sie in diesem meinem Buch vorlege – entbehren ja nicht der Logik und Beweiskraft, schon gar nicht in einem Zeitalter nach der Psychoanalyse (durch Freud bekam die Traumdeutung zugleich den Charakter der Kunst und der Wissenschaft).

Ich beginne mit der einfachsten Logik: Wer bestimmt, wann das vorgeburtliche Kind „noch ein Zellhaufen“ und ab wann es „ein Mensch, eine Person“ ist? Es gibt keine Instanz in der Welt, die das bestimmen könnte. Nur tiefste Irrationalität und interessegeleitetes Zweckdenken und –wünschen können behaupten, von einem Augenblick zum anderen – irgendwo zwischen dem Ende des dritten und Beginn des vierten vorgeburtlichen Monats – erst beginne das schützenswerte personale Leben des Kindes. Diese Irrationalität nutzt die Verborgenheit des embryonalen Lebens, die Vorherrschaft des Optischen und der Bilder, für die das für den schnellen Blick Unspektakuläre des embryonalen und fötalen Menschenlebens verzichtbar ist – sie nutzt die Verborgenheit der frühen vorgeburtlichen Person für deren Abwertung („Zellhaufen“!) und für die Rechtfertigung von deren Vernichtung.

Dies ist ja der eigentliche Grund all der Anstrengungen, das Personsein des vorgeburtlichen Kindes zu negieren: Die zweckmäßige Vernichtung (oder neuerdings Nutzung) soll als ein Humanes gerechtfertigt werden.

Man geht noch viel weiter: Die Vernichtung soll als etwas Hohes, zu Lobendes, ja zu Verherrlichendes angesehen werden („flächendeckende Abtreibungskliniken“ als Errungenschaften, etwa gleichbedeutend mit flächendeckenden Kindergarteneinrichtungen!).

Der Schritt wurde in Deutschland dann besonders vor dem neuen Karlsruher Urteil gemacht: Da war nicht mehr die Rede von den verblutenden Frauen in den Hinterhöfen, da war kaum noch die Rede von der Not der Frauen, um die Abtreibung zu rechtfertigen. Da kursierten plötzlich Wortungetüme wie „eigenverantwortete Gewissensentscheidung„, und höchste Werte wie „Selbstbestimmung“, „Verantwortung“, „Gewissen“ und „Mitleid“ wurden im Kontext mit der Abtreibung beschworen und eng mit der Tat, der Handlung, dem Vergehen der Abtreibung des ungeborenen Kindes verwoben. So wurde Abtreibung äußerst positiv besetzt.

Heute findet man bis in den banalsten Serienfilm hinein den Satz „willst du es bekommen oder behalten?“ gleichsam als Standardsatz an eine schwangere Frau. Die Wahl – Abtreibung als Wahl und Freiheit – zu einem Zeitpunkt – nach Zeugung und Empfängnis – wo es eigentlich keine Wahl mehr geben dürfte, ist institutionalisiert, von der öffentlichen Meinung und der Rechtsprechung abgesegnet.

Das Bewußtsein, daß etwa der Begriff „Fristenlösung“ ein äußerst fragwürdiger Begriff ist – eine die Tötung verhüllende bürokratische Beschreibung – ist verloren gegangen bzw. von Anfang an manipulativ tabuisiert worden..

Auch Sie in der Schweiz stehen vor dieser aufgezwungenen Entscheidung für oder gegen die „Fristenlösung“ genannte Regelung einer weiteren Erleichterung der Abtreibung. Denn um nichts anderes geht es. Vor allem und zuerst um eine weitere geistige Erleichterung und Rechtfertigung der Abtreibung.

Denn welch ein Paradox: Wir hungern und frieren nicht, die Gesellschaften, in denen wir leben, werden immer reicher. Natürlich gibt es Mütter und Väter im Existenzminimum, aber darum geht es eigentlich nicht – in den 70er Jahren benutzte man auch die Armen, die Obdachlosen, die Mütter von zehn und mehr Kindern – und das Mitleid mit ihnen -, um zu beweisen, daß Abtreibung als Recht sein müsse. Heute geht es schlicht und einfach um das „Recht auf Abtreibung“, um die „Letzentscheidung der Frau“.

Und um dieses Ziel weiter hindernislos zu erreichen, ist das Feld bestellt worden mit den Behauptungen und Ideologien, der vorgeburtliche Mensch werde erst Mensch und Person ab Zeitpunkt X, und sei es nicht von Anfang der Empfängnis und Zeugung an.

Dabei existiert immer noch dieser jetzt so altmodisch klingende Satz: Ich erwarte ein Kind. Auch wenn ich nicht genau weiß, wie oft ihn heute noch Frauen zu sagen wagen. Aber er existiert. Und die Sprache weiß, daß es ein Kind ist, denn sie sagt nicht Ich erwarte einen Zellhaufen oder Ich erwarte einen Goldfisch oder Ich erwarte ein himbeerähnliches Gewebe.

Und die meisten Frauen wissen, daß, wenn sie Abtreibung zulassen, denn sie lassen sie zu, treiben ja nicht eigenhändig ab, es sei denn durch Einnahme der Abtreibungs“pille“ -, sie wissen, daß sie einen Menschen töten. Sie wissen es auch dann, wenn sie sagen „es hat mir nichts ausgemacht“ und „ich würde wieder genauso handeln“.

So will ich fragen, wie definieren wir eine Person; denn dies gerade wird ja abgestritten, daß das Kind eine Person sei. Wir können die verschiedenen Wissenschaften und Fachgebiete befragen – ich habe einmal nur eine Stichprobe gemacht und habe ein Handbuch „Psychologische Grundbegriffe – Mensch und Gesellschaft in der Psychologie“ (rowohlts enzyklopädie 1987) konsultiert. Hier finde ich folgendes:

„Die Begriffe `Person` , `Persönlichkeit` , `Individuum` sind historisch betrachtet nicht deutlich voneinander zu trennen. `Persönlichkeit` ist ein relativ junger Begriff, geprägt im Mittelalter von scholastischen Philosophen in wissenschaftlicher Abgrenzung vom umgangssprachlichen Begriff `persona`, das sich in seiner Vieldeutigkeit der Klarheit und Gründlichkeit scholastischen Denkens widersetzte. `Persona` war der römische Ausdruck für die Maske des antiken Theaters. Bei Cicero sublimiert er sich dann zur Bedeutung der Charaktermaske, in der jemand anderen erscheint; der Rolle, die einer, etwa der Philosoph, im Leben spielt; des Trägers der Rolle; und der besonderen Würde, die man – als Spieler etwa – zur Schau trägt. Aus der letzten Bedeutung überträgt sich der Begriff dann auf den freigeborenen Bürger als die Rechtsperson im Unterschied zum Sklaven.“

Soweit hier ein Teilzitat aus dem entsprechenden Abschnitt des genannten Buches.

Wir kennen die „persona“ als Maske, als Rolle und Charakter; die Person ist auch das `durch die Maske `Durchtönende`.

Und dann kommen wir von der Definition des Begriffs zu dem Gebrauch, wie er in der Diskussion um Abtreibung geschieht, zuletzt ganz kürzlich in dem von der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Aufsatz von Jürgen Habermas. Habermas verwendet für den vorgeburtlichen Menschen den Begriff des „Ungeborenen“, aber auch und durchgehend den Begriff des „vorpersonalen Lebens“, vermeidet also, wie seitens der Liberalisierungsbefürworter allgemein üblich, die Begriffe „Person“ und „Kind“. Immerhin aber stellt er in einem Passus seines Textes die Frage:

„Oder verhalten sie (gemeint sind die selektierenden Eltern) sich doch, wenn auch unüberprüfbar fiktiv, zum Ungeborenen wie zu einer zweiten Person – in der Annahme, daß diese selbst zu einer in bestimmter Weise eingeschränkten Existenz Nein sagen würde?“ In einem anderen Passus deutet Habermas an, was er unter „Personen“ versteht: nämlich Menschen, die „ungeteilte Autoren ihres Lebens“ sind!

Nicht Gott ist der „Autor“, sondern die Menschen selbst sind nach Habermas die „Autoren“ (=Urheber!) ihres Lebens. Und das ungeborene Kind ist dann (nach Habermas – und anderen) wohl (noch) nicht: Autor seines Lebens.

Und ich frage mich, und Sie fragen mich, was man daran ändern kann, daß Abtreibungen nicht aufhören, wenn hochintelligente Menschen von vorpersonalem Leben (was, bitte schön, soll denn das sein?) reden und schreiben, wenn es doch um Kinder geht, und was man erwarten kann von Frauen und Männern, die nicht diesen Horizont haben, ein Kind ein Kind ein Kind zu nennen; und was man tun müßte für die Frauen (die diesem Bewußtseinstrommelfeuer ausgesetzt sind), und wie man ihnen helfen kann. Denn nicht nur der Begriff der „Person“, auch viele andere Begriffe der menschlichen Zivilisation, so der des Helfens gehört zu den umgedeuteten Worten in dieser Diskussion, die wir seit Jahrzehnten führen und führen müssen. Helfen etwa, das Nächstenliebe und Menschenliebe sein sollte, wird hier plötzlich zum zweischneidigen Schwert, es geschieht eine Begriffsklauberei und ein Aufspalten und Umdeuten von Bedeutungen. Helfen heißt dann nicht helfen zum Leben, nicht Hilfe für die beiden Personen, Mutter und Kind, sondern Helfen soll plötzlich heißen: Die Frau von dem Kind befreien, nachdem dieses Kind zu einer Unperson erklärt wurde. Das nennt man heute Helfen.

Und hier setzt meine Antwort auf die mir gestellten Fragen an: In diesen Gesellschaften, in denen wir leben, die das Kind im Mutterleib zu „vorpersonalem Leben“ erklären, reicht es nicht, für Mütter in seelischer und sozialer Not Babysachen bereit zu halten, Geld zu geben und soziale Hilfe, Adoption usw. anzubieten – die sogenannten flankierenden Maßnahmen eben. Gewiß, sie sind gut, ohne Zweifel, und sehr, sehr notwendig, aber sie haben gleichzeitig auch den Charakter angenommen, in ein Faß ohne Boden zu fallen, die Frau zum goldenen Kalb zu machen, um das es herumzutanzen gilt mit Geschenken und Gaben, die den Geruch von Bestechungen annehmen können – so als müsse man die Frau bestechen, daß sie ihr Kind bekommt. Ich weiß, daß dies jetzt ketzerisch klingen muß. Ich bestreite nicht, daß Materielles wichtig ist, ich weiß wovon ich spreche. Doch ist das Materielle m. E. nicht der Kern der Hilfe, kann nicht isoliert die Wende und Wendung bringen. Ich bewundere über die Maßen Geduld und Aufopferungsbereitschaft vieler Lebensrechtsgruppen und Gruppen für Mutter und Kind. Sie sind unersetzlich, und ihr Licht wird von der Öffentlichkeit unter den Scheffel gestellt, ja, sie werden von der ach so liberalen Öffentlichkeit oft wie Pestbefallene behandelt (ich bah Lebensrechtsgruppen!). Aber wie oft haben wir es schon erlebt, daß alle Angebote an eine schwangere Frau nichts nützen, daß sie trotzdem abtreibt aus welchen Gründen auch immer. Und ich frage mich, woher die verzweifelte oder auch nur hilflose schwangere Frau wissen soll, daß ihr Kind ein Mensch, eine Person ist, in welchem Stadium seiner Entwicklung im Mutterleib auch immer, wenn ihr diese Tatsache doch nicht dargelegt und nahegebracht wird, vielleicht wie man eine Frau das Stillen lehrt. Von wem soll die Frau wissen, daß ihr Kind nicht nur Blut und Gewebe ist, wenn doch die klügsten Wissenschaftler und Philosophen das Gegenteil verkünden? (So etwa neuerdings der einflußreiche Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und Mitglied des Nationalen Ethikrates Ernst-Ludwig Winnacker, der in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung vom 23.11.01 allen Ernstes schreibt, daß „der Embryo gewissermaßen ein Körperteil `auf Zeit` (sei), mit dem der mütterliche Organismus auf Gedeih und Verderb eine Zeit lang verbunden“ ist“. Hier haben wir eine Variation der oben zitierten abwertenden Eitikettierungen für den menschlichen Embryo. Eine Variation – und doch eine Wiederholung, und man fragt sich, was den gebildeten Forscher von der Gossensprache des altbekannten „mein Bauch gehört mir“ hier noch unterscheidet!)

Es gilt, den Frauen eindringlich die Wahrheit über das Personsein ihres Kindes, ganz gleich in welchem Stadium der Entwicklung als Mensch sich ihr Kind befindet, zu sagen und zu verkünden. Jeder Frau ist darauf angewiesen. Nur wenn diese Wahrheit zu den Frauen vordringt – und ihre Vermittlung wird von bewußt oder halbbewußt interessierter Seite mit allen Mitteln verhindert und behindert – werden die Frauen aufwachen und im Einzelfall freiwillig Opfer auf sich nehmen, sei es für ein behindertes Kind, ein Kind „zum `falschen` Zeitpunkt“ oder für ein weiteres Kind, für das sie zunächst nicht die Kraft zu haben glauben.

Ich betrachte es als mindestens sublime Unmoral – wenn nicht als Verbrechen – den Frauen seit Jahrzehnten einzuhämmern, daß ihre ungeborenen Kinder ein Nichts sind, noch nichts und niemand sind usw. Steter Tropfen höhlt den Stein.

Es gibt doch eine berechtigte Hoffnung: Die Frauen müßten und werden die ersten sein, die wieder neu verstehen werden, daß gerade die winzigsten und hilflosesten aller Personen geschützt werden müssen, immer wieder auch um den Preis großer Unbequemlichkeit und besonderer Herausforderungen.

Sie werden die ersten sein, die wieder neu begreifen, daß sie nicht die sind, die man heute gern in ihnen sieht: Die beim geringsten Windhauch umkippen und sich nichts zutrauen, und nur dieses Surrogat der Freiheit und das Zerrbild der Freiheit, die „Freiheit“ nämlich, die Freiheit auf Kosten und um den Preis des Lebens eines „Du“ ist, zugebilligt bekommen: die „Freiheit“ zur Abtreibung.

Sie werden die ersten sein, die das neu begreifen, wenn sie wahrhaftige Helfer haben, solche, die helfen den Zugang zur Wahrheit freizuschaufeln. Zu der Wahrheit, daß auch der vorgeburtliche Mensch eine Person ist, die Gott entworfen hat – sogar lange bevor sie gezeugt und empfangen wird.

Ich persönlich glaube übrigens schon lange nicht mehr, daß wir den Frauen helfen können, diese Wahrheit freizuschaufeln, ohne den Glauben und ohne Gott.

Das laue Christsein oder die ständige Betonung vorsichtiger Christen, daß man ja nicht glauben müsse, daß es schon aus zivilisatorischen Gründen das Recht des Kindes zu leben gebe, usw., hilft hier nicht weiter. Das Humanitäre allein reicht eben nicht, sonst wären wir nicht da, wo wir heute gelandet sind: Wir diskutieren wie Kannibalen, ob wir unsere eigenen Kinder verwerten sollen, um unsere Parkinsonkranken zu heilen bzw. um ungewisser Heilsversprechungen willen.

Dabei muß keiner von uns, auch ich nicht, den Beweis antreten, daß das Kind im Mutterleib eine menschliche Person ist. Die das bestreiten, müssen den Beweis antreten.

Aber sie können es nicht! Je weniger sie es können, umso gröber, verbal gewalttätiger oder sophistisch hochgestochener argumentieren sie und rechtfertigen ihr Tun.

Dieses Treiben bildet so eine Art beeinflussende Kulisse für jede Frau, die heute schwanger wird, ob sie das will oder nicht, ob sie das bewußt wahrnimmt oder nicht. Ich weiß dies aus eigener tiefer und über Jahrzehnte durchdachter Erfahrung: Niemals habe ich Abtreibung gerechtfertigt, auch war ich niemals eine radikale Feministin (aber ich habe immer für die Rechte, aber auch für die Verantwortung von Frauen gefochten! – auf diesen Unterschied lege ich Wert), ich war es entgegen anderslautender Gerüchte auch vor meiner Abtreibung nicht; aber ich war, als ich eines meiner fünf Kinder abtrieb, mit 28 Jahren bereits jahrelang dem Dauerbombardement der Pro-Abtreibungsbewußtseinsindustrie ausgesetzt gewesen. Dieses Ausgesetztseins über Medien und Umwelt – auch das bezeuge ich aus eigener Erfahrung – wirkt wie subkutan sublim verabreichte „Dauerschleichwerbung“.

Je weniger diese mächtigen Leute, die Herren Professoren und Politiker und die Damen Feministinnen, die das Personsein des Kindes im Mutterleib abstreiten, es abstreiten können, umso peinlichere und abstrusere Rechtfertigungsversuche stellen sie an. Etwa behaupten sie ungefragt und ohne jeden Beweis und so als ob das ausreichen würde, ihre aktive Befürwortung und Förderung von Abtreibung als Frauenrecht (als Errungenschaft der Aufklärung und was der Verherrlichungen mehr sind) zu rechtfertigen, das Kind im Mutterleib sei schmerzunempfindlich. Diese so seltsam versteckt schuldbewußte Behauptung läßt sich gewiß schon gar nicht für die so genannten Spätabtreibungen aufrechterhalten, aber gegen sie soll in Deutschland schon deshalb nichts getan werden, weil man fürchtet, der gesamte Fristenlösungserfolg würde damit aufs Spiel gesetzt. Dabei wird bei den Spätabtreibungen selbst manchen hartgesottenen Abtreibungsbefürworterinnen schummrig und flau. Ist nicht bei den Kindern, die Spätabtreibungen überleben, doppelt sichtbar, daß die vorgeburtlichen Menschen Personen sind, gewiß mit einem anderen Bewußtsein, aber doch nicht mit weniger Überlebenswillen als heranwachsende oder erwachsene Geborene. Und wiederum: Wer bestimmt, wessen Bewußtsein das fortgeschrittenere, gar das „wertvollere“ ist? Wer wagt zu wissen, was ein Mensch in seinem frühen Stadium im Mutterleibt fühlt und schon weiß; wer wagt zu wissen, was ein Mensch etwa im Koma fühlt und (noch – oder schon?) weiß?

Abschließend noch einmal dies: Frauen, auch oder gerade abtreibende Frauen wissen im tiefsten Inneren, daß ihr Kind immer und von Anfang an Mensch und Person ist. Sie wissen es selbst in ihren Verdrängungen und Negierungen, etwa wenn sie eine Adoption als Alternative ablehnen. Da wissen sie es ganz besonders, weil sie innerlich wissen, daß sie Adoption als Trennung von einem Menschen, einer Person erleben werden, und sie fürchten den Schmerz. Sie wissen, wenn sie abtreiben, daß ihr Kind ein Mensch mit all seiner Würde ist, auch da, wo ihr ungeborenes Kind Projektionsfeld des abgelehnten oder sie ablehnenden oder im Stich lassenden Kindsvaters ist, von dem sie sich durch den Akt der Abtreibung befreien zu können hoffen. Bei dieser fehlgeleiteten Hoffnung ist das Diktum, das Kind sei eine Unperson und noch kein Mensch, nur eine sehr, sehr kurze Surrogat-„Hilfe“. Die Frauen möchten es für einen kurzen Augenblick glauben, daß sie ein Niemand auslöschen („wegmachen“, sagten die „Engelmacherinnen“: da haben wir gleich zwei grausame Euphemismen.) Da haben Frauen Angst, daß das Kind aussehen wird wie der inzwischen ungeliebte oder sie quälende Kindsvater, daß es sein wird wie der Vater, und die Frauen glauben, das nicht ertragen zu können.

Immer ist in den genannten Beispielen das ungeborene Kind, wenn auch nur negativ, der Andere, das Du, die andere Person – und keinesfalls Teil des Bauches der Mutter, gleichsam eines ihrer Organe (siehe oben). Die Frau erlebt von Anfang an das ganz andere, die andere Person, Schwangerschaftserbrechen ist seelisch eines der Zeichen dieses anderen bzw. die psychosomatische Reaktion der werdenden Mutter auf dieses neue Du. Nicht zufällig übrigens heißt es werdende Mutter, denn die Frau wird Mutter auf das Du zu, das sie lernen muß wahrzunehmen. Umso grausamer ist der Einfluß der heutigen Pro-Abtreibungsbewußtseinsmaschinerie, denn der Einfluß auf die Frau im frühen Stadium ihrer Schwangerschaft kann verheerend sein, weil das Verhältnis zum Du des Kindes (vor und nach der Geburt) dialogisch entsteht. Ich kenne aus eigener Erfahrung, daß die zur Abtreibung Drängenden diese Zusammenhänge sehr genau ahnen oder wissen, wenn sie die Frau so früh wie möglich auf den Abtreibungstisch bringen wollen. Die Erfindung der Abtreibungspille etwa ist m. E. hauptsächlich von dem Bedürfnis gespeist, die Person des ungeborenen Kindes noch „unsichtbarer“ für das zur Abtreibung bereite Bewußtsein zu machen: So früh wie möglich soll abgetrieben werden können, nicht etwa aus angeblicher Rücksicht auf die Schwangere, sondern um das eigene Gewissen zu betäuben und sich zu bestätigen, was man verkündet und zu wissen glaubt. Daß das Kind angeblich (noch) keine menschliche Person ist.

Die Frauen wissen auch nach der Abtreibung, daß ihr Kind ein Mensch und eine Person ist, sonst würden sie nicht von dem Kind träumen, sie träumen nicht von Lurchen und Fröschen oder Organen wie Niere und Lunge. Sie träumen immer von Kindern. Der Traum bekundet ihr inneres Wissen vom Menschsein und Personsein ihres Kindes.

Die Frauen heute tun mir so unendlich leid, daß sie bei allem, was sie an wohlverdienten Rechten errungen haben, in dieser Frage des Verhältnisses zu den ungeborenen Kindern so verstrickt sind und verstrickt wurden in eine tiefste Entfremdung, von der ich wünschte, daß wir mehr gegen sie tun könnten. Es ist ein Dickicht, und vielleicht ist es einer der wichtigsten Schritte, dieses Dickicht zu bezwingen, diese geistige Anstrengung zu unternehmen: sich selbst und den Frauen empfindsam und einfühlsam nahezubringen, daß ihr Kind immer eine Person, ein Mensch ist, und daß die Geburt nur eine Brücke, ein Übergang ist, und daß es davor keine Zäsuren, außer interessegeleitete und zweckmäßige, gibt, die dazu berechtigen könnten, das Kind zu vernichten.

Karin Struck, München September/November 2001