Die Vierbeiner-Lobby macht mobil

Es war nicht zu übersehen: Praktisch im Wochentakt erschienen in den grossen Tageszeitungen während der letzten Monate ganzseitige Inserate. Darin wird vehement gegen die tierexperimentelle Forschung zu Felde gezogen. Besonders anschauliches Beispiel: die Mäusetests zwecks Entwicklung eines Impfstoffs zur Bekämpfung von Alzheimer. In der Tat endete die Anwendung dieses Impfstoffs am Menschen in einem Desaster (NZZ vom 13. 1.18). Verantwortlich zeichnet der Verein zur Abschaffung der Tierversuche, präsidiert von Dr. Christopher Anderegg. Die stolze Summe von einer Million Franken liess sich der Verein diese Inseratenkampagne kosten (Tages-Anzeiger vom17. Februar 2018). Dieses mediale Feuerwerk wurde selbstredend nicht „l’art pour l’art“ gezündet, sondern soll das Terrain ebnen für eine soeben gestartete Volksinitiative, welche Tierversuche in der Schweiz gleich ganz verbieten will. Doch der zitierte Verein ist beileibe nicht der einzige Vierbeiner-Lobbyist, sondern lediglich der Stosstrupp einer ganzen Armada, welche für den Schutz der Tiere zu Felde zieht.. Bereits diesen Frühling erfolgt der Startschuss für zwei weitere Volksinitiativen: Die eine fordert ein Importverbot für Qualprodukte wie Stopfleber und Pelz. Sie stammt aus der Feder der Alliance Animal Suisse und hat es innert vier Wochen geschafft, 45 Organisationen vor ihren Karren zu spannen. Die andere verlangt ein Verbot der Massentierhaltung in der Schweiz und wird von der Tierrechtsorganisation Sentience Politics lanciert (vgl. Tages-Anzeiger ibid.). Kongenial abgerundet wird dieses „Drei-Gang-Menu“ durch einen Dessert auf kantonaler Ebene: Am 4. März 2018 wird in Basel über eine Initiative abgestimmt, die von öffentlich-rechtlichen Anstalten wie Schulen verlangt, täglich mindestens ein veganes Menu anzubieten. Die Zahl der Vierbeiner-Lobbyisten hat mittlerweile derart rasant zugenommen, dass sie sich selbst auf die Füsse treten. So beklagt sich der Schweizer Tierschutz bitter, dass die drei genannten Initiativen die im Herbst zur Abstimmung gelangende Fair-Food-Initiative zu gefährden drohen.

Es sei hier klargestellt: Gegen einen adäquaten Schutz der Tiere vor unnötigen Schmerzen und Instrumentalisierungen ist nichts einzuwenden – im Gegenteil. Aber die Proportionen stimmen nicht mehr. Vergleicht man das enorme finanzielle und ideologische, nicht selten sektiererische Züge annehmende Engagement für den Tierschutz mit dem gleichzeitig erodierenden Schutz des menschlichen Lebens, insbesondere an seinem Beginn und an seinem Ende, kommt man nicht umhin, von einer Einebnung, ja Negierung all dessen sprechen zu müssen, was das Spezifische des Menschen ausmacht und ihn vom Tier grundlegend unterscheidet. Eigenschaften wie Vernunft und freier Wille (bzw. damit verbundene Rechte und Pflichten), welche bislang das Proprium des Menschen ausmachten, werden unreflektiert auf das Tier übertragen, selbstredend ohne eben dieses Tier zu fragen, ob es davon überhaupt etwas wissen will.

Besonders anschaulich wird diese „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche) am Verhältnis vieler Menschen zu kranken oder verstorbenen Tieren. So ist es keine Seltenheit mehr, beispielsweise einen angeborenen Fehler an der Leber des eigenen Hundes für 5’000 Franken korrigieren zu lassen (Tages-Anzeiger 17. Februar 2018). Einige Tierbesitzer nehmen gar das Angebot der südkoreanischen Firma Sooam Biotech in Anspruch, ihren verstorbenen Hund für 100’000 Franken klonen zu lassen. Demgegenüber nehmen sich Versuche, den Trennungsschmerz dadurch zu mildern, indem man bzw. frau die Asche des geliebten Dackels in einem Diamanten erstrahlen lässt, geradezu harmlos aus. Welche erklecklichen Summen finanziell gut betuchte Besitzer von Hunden und Katzen für ihre Lieblinge auszugeben bereit sind, erhellt ein Konflikt am Tierspital der Universität Zürich. Als sich die Uni-Leitung weigerte, die defekte Strahlenkanone durch einen 2 Millionen Franken teuren Linearbeschleuniger zu ersetzen, kündigte die auf die Behandlung krebskranker Kleintiere spezialisierte Professorin Barbara Kaser-Hotz kurzerhand ihre Stelle, um in Zug ein rein privat finanziertes Konkurrenzunternehmen zu gründen – ein offensichtlich auf Anhieb sehr rentables Geschäftsmodell.

Wie hat es doch Birgit Kelle im Zeitalter der frühstmöglichen Fremdplatzierung von Kleinkindern, Leihmutterschaft und künstlich zusammengewürfelten Beziehungskisten treffend formuliert: „Wo ist das Recht von Kindern, nicht schon früh von ihren Eltern getrennt zu werden? Etwas, was wir im Namen von Tierschutz-Rechten jedenfalls Hundewelpen zugestehen. Wer schützt das Recht von Kindern, überhaupt bei ihren biologischen Eltern gross zu werden, bei Mutter und Vater, die es gezeugt haben?“

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